Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 54: Unterkunft in einem alten russischen Gefängnis

[138-139] Schon gegen Mittag sahen wir beim Überschreiten eines flachen Höhenrückens die Zinnen eines Städtchens vor uns. Die Karten heraus und orientiert. Das muß Sieradz sein. Und richtig, der Ort, der unser nächstes Nachtquartier sein sollte. Mit Befriedigung zählten wir 3 Kirchtürme, was auf einen größeren Ort schließen ließ und uns Aussicht gab auf ein brauchbares Quartier. Man kann sich aber auch verrechnen, namentlich im Kriege, und diesmal sollten wir uns auch gründlich getäuscht haben. Als wir in die Stadt einbogen, hielt rechts an der Straße ein Trupp von der 1. Kompagnie und hatte in seiner Mitte 2 gefangene Russen. Hurra, die ersten Gefangenen! Wo man die beiden Burschen erreicht hatte, ist mir nicht bekannt geworden, doch wurde uns von allen Seiten größte Vorsicht empfohlen, da die Stadt noch gestern von Russen besetzt und erst heute früh verlassen worden wäre.

Nun waren wir also bald in Reichweite mit unseren Gegnern, und unsere Etappenherrlichkeit schien tatsächlich ein Ende zu haben, was viele von uns immer noch nicht recht begreifen wollten. Nun also herein in das Nest und Quartier gemacht. Aber wir waren nicht die ersten gewesen, und die besten Quartiere waren bereits belegt von den Bataillonenn29, 30u. 10. An manchen Straßenfronten fehlten buchstäblich alle Fenster; Außerdem hieß es immer wieder: „In den Häusern sind noch Russen versteckt“; Es war also dringend zu empfehlen, die Kompagnien möglichst zusammen zu halten.

Nach langem Stehen und Warten setzte sich der Zug endlich wieder in Bewegung und hielt vor einer hohen Hofmauer, die sich lang und weiß um einen großen Häuserblock herum zog. Beim Eintreten gewahrte man links ein kleines Gebäude, wie eine Wärterswohnung, dahinter größere Häuser, die wie Beamtenwohnungen aussahen. Ein altes Sofa, ein schief stehender Schreibtisch verrieten [S. 139] hier und da mäßige Wohlhabenheit. Rechts ging es dann noch einmal durch ein hohes Gittertor und nun stand man in einem Hof, zu dessen linker Seite sich ein mächtiger zweistöckiger Bau erhob, während rechts ein einstöckiges Gebäude gegenüber lag. Fenster waren nur wenige vorhanden, und die waren klein wie Kellerlöcher.

Eine russische Inschrift konnten wir natürlich nicht lesen; aber bei dem Betreten des großen Gebäudes wurde uns bald klar, wir waren in einem russischen Gefängnis oder Zuchthaus. Ein großes Portal, an welchem rechts und links Wachtstuben ,lagen, führte in einen großen Längsflur, zu dessen beide Seiten die Zellen lagen; „ Jongs, wat han mi dann gemacht, dat se uns ausspärren!“ fragte in seinem Allerweltsdialekt der immer muntere Wachmann Hilgen; „Schwätz nit so vill, Jakob, un mach, daß mer a Zell kriege, sonst kenne mer nur off de Hoof lege“, rief der Gefreite Staaht(?), und nun ging es auf die Suche; Aber das war eine schwere Sache. Die 1. Tür auf! O weh, Nase zu! Und Augen auf! Was man da zu riechen bekam, war so eindeutig, dass man im Dunkeln die Quelle erriet. Also weiter! Die 2. Tür. Was war das? Bis unter die Decke voller Russenmäntel; „Werden wir uns nachher ansehen“, weiter! Die 3; Zelle war etwas weniger verunreinigt als die 1., doch Halt, kein Kamin, und Feuer müssen wir haben. Also wieder weiter! Nun kamen 3 Zellen, in denen sich schon andere Korporalschaften eingenistet hatten;

Endlich fanden auch wir noch ein „Loch“; Wohl war kein Verschluß an der Tür, wohl sah das Stroh auf dem Boden aus, als ob die Zelle ein Stall gewesen wäre. Doch Empfindlichkeit gibt es nicht. Also hier herein. Ich sicherte mir gleich eine Pritsche in der Ecke und zwei Wandnägel darüber. Jetzt Holz herbei, damit der riesige Kamin, der immer 2 Zellen erwärmte, nicht umsonst da stand. Bretter und Balken, Latten und Fensterrahmen, alles kann der Soldat zum Brennen gebrauchen, und sofort fing das Holzspalten an. Der größte Schmutz wurde unterdessen auf den Flur gescharrt, wo sich der Mist aus allen Zellen brüderlich vereinigte.


Empfohlene Zitierweise: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 54: Unterkunft in einem alten russischen Gefängnis“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-54> (aufgerufen am 05.05.2026)