Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Ausmarsch und Fahrt zur belgischen Grenze
- ...
- Ruhigere Tage an der Front
- Baupläne, zweite Reise nach St. Quentin
- Bekanntschaft mit einem Schmalkaldener, Heimfahrt
- Frontalltag, Bau von Scheinstellungen, Badeanlagen
- Gefährlicher Bau von Drahthindernissen
- Bau von Drahthindernissen, Frühling an der Front
- Ausbau der Gräben und Hindernisse
- ...
- Rückfahrt von der Somme nach Deutschland
Abbildungen
Ein Farman Shorthorn MF 11 der französischen Flugzeugbauer Farman
↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915
Abschnitt 21: Frontalltag, Bau von Scheinstellungen, Badeanlagen
◀ [236, 249]
Heute ist der 2. Mai [1915]. Es ist abends, wegen des hellen elektrischen Lichtes muß ich jedoch mein Fenster mit dem Blick auf die schöne alte Linde, die sich im Schloßhof aus frisch angelegten blühenden Blumenbeeten erhebt, völlig verhängen. Das tut mir weh. — Die Zeit vom 30. April bis heute habe ich mit der Errichtung meiner Badeanlage verbracht. Sie liegt am Außenrand des Dorfes, um sie herum liegen frische Äcker, Artilleriepferde ziehen den Pflug und die Egge, und unsere Feldgrauen gehen hinterdrein und säen; so wird jedes Fleckchen Neudeutschland 4 km hinter der Schützenlinie bestellt, um mit zum Siege beizutragen.
[S. 249] G.C. Die Pferde springen auf, als die Franzosen mit schwersten Geschützen 400 m von uns entfernt eine Scheinbatterie unter Granatfeuer nehmen. Da haben wir uns einmal wieder recht gefreut. Der Farmandoppeldecker1 spioniert und kundschaftet ganz großartig. Täglich findet er eine neue unterirdische und gut verdeckte Scheinstellung in die sie tadellos zielend Unmassen von Munition verpulvern. Unsere wahren Stellungen sind überhaupt unsichtbar, selbst wenn wir dicht davorstehen. Und auch die Scheinstellungen sind nicht etwa freistehende maskierte Gebilde, es sind tadellos verdeckte Unterstände mit Reisig drauf, zu denen Laufgräben führen. Wenn unsere Batterien schießen, wird hier in der Nähe zur selben Zeit ein Lichtblitz abgeschossen, der heller leuchtet. Und am nächsten Morgen kommt der Flieger, macht an dieser Stelle einen Kreis und schon geht zu unserm Vergnügen die Massenmunitionsverschwendung los. Ein Geschütz haben sie hier noch nicht erwischt. Wir machen's ganz anders. Aber davon ein anderes Mal, zurück zu meiner Badeanstalt.
Heute ist die Offizierskabine durch feierliche Einseifung unseres Oberleutnants eingeweiht. Es fehlt nichts. Kalte und warme Dusche, in die Erde eingemauertes emailliertes Becken, Teppiche, Porzellanwaschbecken an der Wand, alles ist da. Und genau so wird's für die Unteroffiziere, die Mannschaft erhält nur Brausen und mit uns ein Sonnenbad. So ein Krieg führt manche in bessere Verhältnisse wie zu Hause.
Draußen donnern heute unaufhörlich die Mörser und Haubitzen, aber das stört uns nicht mehr, wir würden schlecht schlafen, wenn's nicht so wäre. Viel Tote gibt's ja dabei doch nicht, allerdings hat gerade meine Gruppe heute einen Schwerverwundeten, dem ein Granatsplitter in den Kopf ging.
Der gestrige Abend und die Nacht waren entschieden schrecklicher. Ich habe wach im Bett vom Abend bis zum Morgen gesessen. Ich konnte es vor Ratten nicht mehr aushalten, eine sprang aus einem Loch an der Decke auf mein Strohlager, und zwei andere sprangen dauernd im Zimmer herum, suchten sich Löcher und piepsten und bohrten am morschen Holz. Und kein Licht, nicht einmal ein Streichholz war mir zur Hand, ich war froh, als draußen grau der Morgen dämmerte. Mit der Mäuse- und Rattenplage ist's hier entsetzlich. Das Korn vom vorigen Jahre ist zum Teil auf den Äckern verfault und die Zuckerrüben, wir wohnen im Gebiet der Zuckerfabriken Frankreichs, lagen bis vor kurzem auf den Feldern. Da wimmelt es natürlich von Ungeziefer. — Jetzt ist man daran gegangen, der Plage Einhalt zu gebieten. Die Kornreste werden auf den Äckern verbrannt und untergeackert und die Rüben werden nutzbar gemacht. Die Pferde fressen sie gern, und für uns weiß man mit Erbsen, Karotten und Fleisch ein tadelloses Gericht daraus zu machen.
Heute hat auch die Kompagnie ihr erstes Eisernes Kreuz bekommen. Für unsere gemeinsame Erkundung des Minenstollens und der feindlichen Stellung wurde Leutnant Sch. heute vom Oberleutnant die Auszeichnung angeheftet. Heut war er bei mir oben im Zimmer. Er will jetzt mit wenigen Leuten in die feindliche Stellung hinein, mit Handgranaten die Franzosen auseinandertreiben und Gefangene machen, die er hinterher ausfragen will. So will er sich seine zweite Auszeichnung erwerben. Mir bangt um ihn, ich halte den Plan für unausführbar.
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- Ein Doppeldecker der französischen Flugzeugbaufirma Farman, siehe Abbildung. ↑
| Personen: | Fischmann, Wilhelm |
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| Sachbegriffe: | Badeanlagen · Elektrizität · Artillerie · Pferde · Landwirtschaft · Feldgrau · Neudeutschland · Franzosen · Geschütze · Granaten · Farman-Doppeldecker · Munition · Scheinstellungen · Laufgräben · Batterien · Oberleutnante · Mörser · Haubitzen · Verwundete · Granatsplitter · Ratten · Ungeziefer · Mäuse · Pferde · Eisernes Kreuz · Minenstollen · Leutnante · Handgranaten · Westfront · Frontabschnitt: Somme |
| Empfohlene Zitierweise: | „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 21: Frontalltag, Bau von Scheinstellungen, Badeanlagen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/164-21> (aufgerufen am 07.05.2026) |



