Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915

Abschnitt 20: Bekanntschaft mit einem Schmalkaldener, Heimfahrt

[235-236]

Als wir am zweiten Abend im Kriegerheim unser Abendbrot verzehrten, hatte ich noch ein recht nettes Erlebnis:

Sitzt da an meiner rechten Seite ein Telegraphist, ein ganz gewöhnlicher Muskote, ich habe den schon irgendwo einmal gesehen, aber ich weiß nicht, wo ich ihn hintun soll. Und nach einer Stunde denke ich: sollst ihn einmal fragen, wo er her ist. — „Aus Schmalkalden." — „Mensch, Sie sind der Werner E.!" — „Ja, und Sie — ist da nicht . . . im Spiel?" — „Gewiß, das ist jetzt meine Frau, und einen Kriegsjungen habe ich auch schon."— Da wären wir uns beide vor Freude am liebsten um den Hals gefallen. Und nun ging ein Erzählen von daheim los, was Neues im Städtchen passiert wäre, und schließlich fing er dann auch noch zu „schmäkällern" an. Wir waren recht lustig und übermütig, leider mußte er jedoch um 9 Uhr im Quartier sein. — Am meisten habe ich mich amüsiert, als er mir berichtete, daß er einen Taler für seine Leistungen geschenkt bekommen hätte, da könne er sich einmal etwas Besonderes erlauben. Werner E. und ein geschenkter Taler, wie reimt sich das! Das muß ich ihm im Frieden einmal wiedererzählen.
Unsere Heimfahrt war prächtig. Wir hatten zur Fahrt nach P. ein Opel-Lastauto zur Verfügung gestellt bekommen, das Gott sei Dank, nicht auf Vollgummi fuhr. Das führte uns 1 ½ Stunden lang durch die grüne, hügelige Gegend, auf die glühend die Sonne schien. Einzelne Gräber und Massengräber mit ihrem Blumenschmuck und ihren Holzkreuzen streifte flüchtig unser Auge, und an einzelnen Trainkolonnen sausten wir im schnellsten Tempo vorbei.
In P. bat ich telephonisch gleich um einen Wagen. Aber bis zu dessen Ankunft hatten wir 3 Stunden Zeit. Im „Kochelbräu" war frisch [S. 236] angesteckt, da haben wir uns dem langen Zuge der durstigen Seelen angeschlossen und nach halbstündigem Schieben und Stoßen endlich a Maß erobert. Der Weg zum Schanktisch war immer noch möglich, man wurde so langsam weitergewälzt, rauszukommen war entschieden schwieriger, da haben wir glücklich einen Biergläsertanz über alle Tische bis zum Ausgang gemacht. —
Ein von unsern Soldaten eingerichtetes Bad nahm den Reisestaub von uns, und dann gingen wir unserm Fuhrwerk ein Stück entgegen und ließen uns auf einer Bank, über der sich zwei blühende frischgrüne Kastanien wölbten, als müde Wanderer nieder. Wir haben wohl 1 ½ Stunde dort gesessen und geträumt, ein Flasche Weinmost, die ich erstanden hatte, entkorkte ich und dann haben wir hier auf den schönen Frühling und alle Lieben daheim angestoßen und das Lied vom Mai erklingen lassen. Um uns und in uns war Frieden, die Bäume blühten und grün stand die junge Saat, die Vögel sangen wie zu Hause ihr Lied und der rote Sonnenball malte rosenrot die Wolken, lag blutrot am Horizonte und tauchte langsam unter. Fliegerwetter! — Wohl selten habe ich mit solcher Spannung einer Fliegerbeschießung zugeschaut wie hier. Ganze Salven gaben die Franzosen ab, und ich habe oft um diesen Tapfern, der sich durchaus nicht stören ließ, gebangt. 80 rosenrote Schrapnellwölkchen standen nachher am Himmel.
Als der Vollmond am Himmel auszog, kam auch unser Fuhrwerk, nach einer halben Stunde war alles verladen, und nun fuhren wir mit unsern zwei Braunen im langsamen Schritt heimwärts. Unvergessen wird mir mein Leben lang diese vierstündige Fahrt durch den Frühlingsabend bleiben. W. und ich saßen mit dem Kutscher untergefaßt auf dem Bock und erzählten uns leise. Unser Kutscher, den das Eiserne Kreuz ziert, hat den Krieg von August an mitgemacht. Es ist ein lieber, bescheidener Bursche, ein Schwob, dem Vater und Mutter gestorben sind, Geschwister und Familie hat er nicht, da hat er bei seiner Kompagnie den alten verheirateten Landwehrmännern immer die schweren Arbeiten fortgenommen.
Unser Wagen knattert langsam dahin, unsere Braunen sind müde vom Ackern, ab und zu reitet ein Meldereiter, friedlich sein Pfeifchen schmauchend, mit der Feldpost auf dem Rücken gemächlich an uns vorbei, ziehen Scharen von Artillerie-Pferden, die für uns und die daheim jedes Eckchen Erde gepflügt und geeggt haben, ihren Ställen zu. Mit uns geht langsam der silberne Vollmond durch den Frühling, die blühenden Obstbäume und hohen Wegpappeln und die vielen, vielen Grabkreuze und Christusbilder zeichnen schwarz ihre Risse an der leuchtenden Scheibe ab. Empfindet man hier draußen den Frühling doppelt schön? Bei uns daheim ist er schöner, viel schöner, da gibt's hohe Berge und lachende Täler und springende Bäche, da gibt's alte Dörfer mit kleinen Kirchen, auf denen noch die Glocken klingen, und abends da sitzen die Leute vor den Türen, hemdärmelig, die Alten rauchen ihr Pfeifchen und erzählen sich von dem furchtbaren Krieg da draußen. Und die Kuhglocken klingeln und bimmeln auf der Dorfstraße und jedes Tier sucht blökend seinen Stall.
Ich habe nichts reden können auf der langen Fahrt, ich habe nur bewundernd nach dem Mond und seinen Schattenrissen gesehen. Aber unser Trainfahrer, der hat uns viel erzählt, wenn einmal sein Pfeifchen aus dem Munde kam, daß die Franzosen furchtbar unsern Graben beschossen hätten, daß unser 3. Zug aber trotzdem nur einen sehr schwer Verwundeten hätte, dem das Becken vollkommen zerrissen sei.
„Halt, wer da?" Der Wagen hält an. Ich mache dem Posten am Dorfeingang Meldung. Wir sind, in A. Langsam fährt der Wagen am alten Park vorbei in den Schloßhof hinein, wir springen ab und ruhen und speisen dann bei unsern Offizieren. —


Personen: Fischmann, Wilhelm
Orte: Schmalkalden
Sachbegriffe: Kriegerheime · Telegrafisten · Opel-Lastauto · Trainkolonnen · Flugzeuge · Fliegerangriffe · Franzosen · Schrapnells · Eisernes Kreuz · Landwehrmänner · Feldpost · Westfront · Frontabschnitt: Somme
Empfohlene Zitierweise: „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 20: Bekanntschaft mit einem Schmalkaldener, Heimfahrt“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/164-20> (aufgerufen am 07.05.2026)