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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914

Abschnitt 58: 5.8.1914: Die Sozialdemokraten und der Krieg


Wir Sozialdemokraten und der Krieg.

Mit dem Ausbruch der ungeheuren Weltereignisse, in denen sich das Schicksal unseres Weltteils entscheiden wird, sind die inneren Parteikämpfe mit einem Schlage verstummt. Auch jener Teil der bürgerlichen Presse, der sonst in der gehässigen Bekämpfung der Arbeiterbewegung seine eigentliche Aufgabe erblickt, hat, sei es einer Weisung folgend, sei es aus eigener Erkenntnis der gebietenden Stunde, den inneren Kampf auf der ganzen Linie eingestellt. Nur die hessische Zentrumspresse glaubt es unter der Führung des Mainzer Journals nötig zu haben, auch in der gegenwärtigen Zeit die deutsche Sozialdemokratie zu verdächtigen und zu verkünden, daß „die ernste Probe, die jetzt auf all die großen Worte der Sozialdemokratie gestellt wird, zu einer Verurteilung jener Volksverhetzer geworden" sei.

Lassen wir diese Mondankläffer; sie sind uns zu nebensächlich: wir fühlen uns sicher im Bewußtsein unserer Pflichterfüllung und der Erkenntnis, daß es zur Zeit keine höhere Pflicht für uns gibt, als die den deutschen Boden vor den zarischen Kriegshorden und ihren Spießgesellen — wer immer diese seien — zu schützen. Das liberale Mainzer Tageblatt trifft durchaus das Rechte, wenn es von der Sozialdemokratie schreibt:

„Bereit, für des Vaterlandes Ehre, Größe und Unabhängigkeit Blut und Leben zu opfern, treten ihre Anhänger in die Reihen derer, denen die hohe, heilige Pflicht erwachsen ist. Deutschland zu schützen vor fremden Frevelmut. Leichten Herzens kann der Kaiser alle geschulten Truppen an den Grenzen zusammenziehen: Im Innern Deutschlands sind keine Unruhen zu befürchten. Eine solche Schmach lädt kein Deutscher auf sich, daß er, während die Brüder draußen an den Grenzen für unsere höchsten Güter kämpfen, leiden und bluten, im Innern Unfrieden stiften, und dadurch mittelbar den Feind unterstützen könnte."

Von den Männern, die jetzt im Felde stehen und bald im Felde stehen werden, gehört jeder dritte seiner inneren Ueberzeugung nach zu uns. Jeder dritte, der draußen fällt, war einer der Unserigen. Wir beklagen jedes Opfer, das dieser schreckliche Krieg fordert, welcher Partei und welcher Nation er auch angehören mag. Wir vergessen aber dabei nicht, daß jeder Kanonenschuß des Gegners Lücken auch in die Reihen der deutschen Arbeiterbewegung reißt.

Der unwiderstehliche Druck der militärischen Gewalt zieht alle mit sich fort. Aber die klassenbewußten Arbeiter folgen nicht nur äußerer Gewalt, sie gehorchen ihrer eigenen Ueberzeugung, wenn sie den Boden, auf dem sie stehen, vor dem Einbruch des Ostens verteidigen. Sie haben, solange sie den Zivilrock trugen, das bestehende System der militärischen Organisation bekämpft, und ihre diesmal zum Unglück der Welt noch unzureichende — Kraft angestrengt, um den Krieg zu verhindern. Man hat ihnen darum nachgesagt, daß sie das Vaterland wehrlos machen wollten. Angesichts der weltgeschichtlichen Tatsachen, die wir jetzt erleben, zerstiebt diese Verleumdung wie Spreu im Winde. Zu Hunderten melden sich auch in Offenbach Sozialdemokraten freiwillig zum Kriegsdienste und andere Hunderte sind, wie wir bestimmt wissen, entschlossen, ihnen zu folgen.

Das Verhalten unserer Widersacher in der inneren Politik beweist, daß auch nach ihrer Ueberzeugung das Deutsche Reich in der Not alle braucht, um die furchtbarste Gefahr von sich abzuwehren. Wir wollen dafür sorgen, daß diese Ueberzeugung auch nach dem Kriege lebendig bleibt. Wäre sie stets vorhanden gewesen und

hätte man aus ihr immer die richtigen Schlußfolgerungen gezogen, dann wäre manche Abrechnung überflüssig geworden, die jetzt über den Krieg hinaus vertagt ist. Wir lesen jetzt in hundert Ausrufen, daß wir alle eine große Gemeinschaft sind, daß es in den Pflichten gegenüber dem Ganzen keinen Unterschied geben dürfe zwischen Arm und Reich. Was jetzt allenthalben gepredigt wird im Interesse der nationalen Verteidigung, muß fürderhin auch gelten, wo es sich darum handelt, im Frieden die Wohlfahrt der Gesamtheit zu fördern, Not und Elend zu bannen, Ungerechtigkeit zu vermeiden.

Die beherrschten Klassen leisten ohne Zögern ihre Kriegspflichten. Sie werden später die Herrschenden desto lauter an die nationalen Friedenspflichten erinnern, die zu erfüllen sie vordem versäumt hatten. Das Volk bringt jetzt furchtbare Opfer, aber es bringt sie nicht für Einzelne oder für eine Minderheit, es kämpft für sich selbst, für seine Freiheit nach Außen und Innen. Die schlimmste Gefahr droht jetzt seiner Freiheit aus dem barbarischen Osten, und solange diese Gefahr nicht abgewehrt ist, gibt es nur einen Willen, nur eine Pflicht:

Wir, die wir niemandes Knechte sein wollen, wollen nicht Knechte des Zaren und seiner Spießgesellen werden!

[Offenbacher Abendblatt vom 5. August 1914]


Empfohlene Zitierweise: „Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914, Abschnitt 58: 5.8.1914: Die Sozialdemokraten und der Krieg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/161-58> (aufgerufen am 08.05.2026)