Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
Bitte beachten Sie: LAGIS hat eine neue Adresse: lagis.hessen.de. Für eine Übergangszeit stehen Ihnen ausgewählte Module über die bekannte Oberfläche zur Verfügung. Alle anderen sind über die neue Version des Informationssystems zugänglich. Bestehende Permalinks behalten ihre Gültigkeit und leiten bereits jetzt oder nach Abschluss aller Migrationsarbeiten automatisch auf das neue System um.

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914

Abschnitt 56: 5.8.1914: Aufruf an die Offenbacher Sozialdemokraten


Genossinnen und Genossen!

In dieser Stunde herzerschütternder und weltbewegender Begebnisse drängt es uns, ein paar Worte an die in Treuen erprobte Schar unserer Freunde und Leser zu richten. Ein paar Worte nur, denn was allgemein politisch zu sagen war, ist vom ersten Anzeichen des drohenden Weltunwetters an deutlich und klar von uns ausgesprochen worden.
Wir leben nun im dreifachen Kriegszustande. Das Volk in Waffen rückt an die Reichsgrenzen. An der Ostgrenze ist der Kampf gegen das zarische Hunnentum und an der Westgrenze gegen ihre chauvinistischen Helfershelfer bereits entbrannt. Und unsere Meeresküsten, unsere überseeische Nahrungsmittel- und Warenzufuhr ist jetzt auch von England bedroht. Wie aus dem Betriebe unserer Zeitung, so sind aus allen Fabriken und Werkstätten, von allen Arbeitsplätzen auch die wehrfähigen organisierten Arbeiter weggezogen, ihrer Pflicht der Landesverteidigung folgend; und auch jene von der im kapitalistischen System begründeten Krise betroffenen Arbeitslosen haben nach langer unfreiwilliger Schicht nun blutige Arbeit bekommen. Sie, die bis zur letzten Stunde ihre Stimme für den Frieden erhoben haben, ziehen in den von tollen Barbaren angezettelten Krieg mit dem unerschütterlichen Ernste des Volksgenossen, der bereit ist, sein Leben für die Kultur und den Schutz der Frauen und Kinder seines Landes einzusctzen. Ungeheuer ist der Schmerz der ihrer Ernährer beraubten Familien, der Mütter, die ihre Söhne fortziehen sehen Zur blutigen Wahlstatt.
Aber die Gemeinsamkeit des Opfers und des Geschickes bannt den Schmerz in der Brust der Heimgesuchten, und alle versuchen durch heldische Fassung, den Scheidenden die Abschiedsstunde leicht zu machen.
Solche Fassung, solche äußerste Besonnenheit ziemt auch den Zurückbleibenden, denn ihrer warten Pflichten, nicht minder verantwortlich als die, denen die zu den Waffen Gerufenen folgen.
Fort mit aller Kleinmütigkeit, ruhige Nerven, allen tollen in Kriegszeiten die Gemüter verwirrenden Gerüchten und Erzählungen gegenüber. Hoffnungsvolle Ruhe und Zuversicht, denn ein Land, das von Kämpfern wie die im sozialen Streit gestählten deutsche Proletarier mitverteidigt wird, hat keine Ursache zu bangem Verzagen.
Das Offenbacher Abendblatt aber, stets bemüht, das geistige Band gemeinschaftlicher Ziele und Ideale um die Unterdrückten und Enterbten zu schlingen, wird in dieser Zeit gemeinsamer Opferpflicht alles daran setzen, Mut, Hoffnung und Trost zu bringen.
Kein Kriegszustandsgesetz wird uns davon abhalten, auszusprechen, was zum Wohl der Armen und Bedrängten ausgesprochen werden muß. Denn wir werden nichts zu sagen haben, was gegen die Absichten einer vornehmen und politisch objektiven Landesverteidigungsbehörde verstößt.
Kleine Störungen des Betriebes unserer Zeitung werden die Leser geduldig ertragen. Diese Störungen auf das möglichst geringfügige Maß zu beschränken, werden wir bemüht sein.
In treuem Zusammenhalten werden wir, was immer auch kommen mag, auch diese harte Zeit überwinden, die uns alle noch fester verbinden muß als die besseren Tage, die wir gemeinsam verlebten.

[Offenbacher Abendblatt vom 5. August 1914]


Empfohlene Zitierweise: „Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914, Abschnitt 56: 5.8.1914: Aufruf an die Offenbacher Sozialdemokraten“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/161-56> (aufgerufen am 09.05.2026)