Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- 1.8.1914: Die Sozialdemokratie und der Krieg
- ...
- 10.8.1914: Keine Verbreitung von Sensationsgerüchten
- 10.8.1914: Aufruf zur Zusendung von Feldpostbriefen
- 10.8.1914: Auswüchse der Jagd auf Spione
- 11.8.1914: Bericht über belgische Greuel
- 11.8.1914: Aufruf für guten Lesestoff in den Lazaretten
- 11.8.1914: Wiedersehensgruß an ausziehende Genossen
- 11.8.1914: Aufruf zur Kleider- und Wäschespende
- ...
- 12.8.1914: Aufruf an die Arbeiterjugend
Abbildungen
↑ Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914
Abschnitt 102: 11.8.1914: Bericht über belgische Greuel
◀
Belgische Greuel.
Der Kölnischen Zeitung wird geschrieben:
Um den Berichten französischer Blätter über Niederbrennung belgischer Dörfer mit deutschfeindlichen Nebenbemerkungen etwas zu entgegnen, bitte ich um gefl. Ausnahme folgender Zeilen:
Zunächst: Es sind einzelne Dörfer ganz niedergebrannt, in einer Anzahl brennen einzelne Häuser. Aber nun die Gründe: Wenn man mit Abscheu gelesen hat von Verstümmelungen usw. unserer braven Leute in Südwest, so wird wohl keinem der Gedanke gekommen sein, daß derartige Dinge auch im zivilisierten Europa vorkommen könnten. Hier haben wir von seiten der belgischen Bevölkerung, von Männern, Frauen und halbwüchsigen Burschen an unseren Truppen alles das erlebt, was wir sonst nur in Neger- usw. Kämpfen erlebt haben. Die belgische Zivilbevölkerung schießt aus jedem Haus, aus jedem dichten Busch mit völlig blindem Haß auf alles, was deutsch ist. Wir haben schon in den ersten Tagen eine Menge Verwundete und Tote durch die Zivilbevölkerung gehabt. Daran beteiligen sich Frauen ebenso wie Männer. Vorgestern wurde einem Deutschen nachts im Bett die Kehle durchschnitten, ein anderes Haus hatte die Rote Kreuz-Fahne aufgesteckt: man legte fünf Mann hinein, am anderen Morgen waren alle fünf erstochen. Gestern morgen findet man in einem Dorfe vor Verviers1 einen einzelnen Soldaten mit auf den Rücken gebundenen Händen und ausgestochenen Augen. Von der vorgestern nach Lüttich abgegangenen Autokolonne hält ein Wagen in einem Dorfe, eine junge Frau tritt an den Chauffeur heran, hält ihm ganz plötzlich einen Revolver an den Kopf und schießt ihn über den Haufen. Natürlich ist die sofortige Erschießung die Folge, aber weder dies noch die Brandlegung der Häuser schreckt das Volk. Von meinen Verwundeten hatten einzelne mir zunächst unerklärliche Schüsse, z. B. Einschuß dicht neben dem After, Ausschuß im Rücken auf dem Kreuzbein. Es stellt sich folgendes heraus: Eine Bagagekolonne, deren Führer der Unteroffizier war, wird nachts von Dorfbewohnern beschossen, die Begleitmannschaft kriecht unter die Wagen, um zwischen den Rädern durchzufeuern, der Unteroffizier fühlt plötzlich, daß ihn etwas gegen das Gesäß stößt, sofort kracht aber auch der Schuß, der ihn niederlegte. Zwei meiner Verwundeten haben Schrotschüsse in je einem Auge, eine schwere Handverletzung ist erfolgt dadurch, daß beim Vorbeimarsch der Truppe an einer Hecke in der Dämmerung sich plötzlich eine Hand aus der Hecke streckt, den Mann anschießt aus so naher Entfernung, daß auf der Haut noch alles voller Pulverkörner sitzt. Einem anderen wird in der Dunkelheit durch einen Schrotschuß aus allernächster Nähe der rechte Arm so zerfetzt, daß er hier sofort abgenommen werden mußte. In Gemmenich, eine Stunde zu Fuß von Aachen entfernt, hat am Mittwochabend die Bevölkerung in grotzem Maßstabe eine Automobilsanitätskolonne angehalten, aus allen Häusern beschossen: die Begleitmannschaft (Husaren) war zu schwach, konnte aber doch noch drei der Täter fassen, füsilieren und das Haus, aus dem die meisten Schüsse fielen, einäschern. Das rote Kreuz an Arm und Wagen schützt uns Aerzte gar nicht. In mehreren Gefechten haben wir es erleben müssen, daß Verwundete, die aus der Feuerlinie getragen waren, andere, die auf Wagen zum Reservelazarett fuhren, einfach von der herbeigeeilten Bevölkerung der nächsten Dörfer abgeschossen und abgeschlachtet wurden. Bei den Arbeiten zur Freilegung eines gesperrten Tunnels kamen auf deutscher Seite eine Anzahl schwerer Verletzungen vor. Die herbeigeeilten Weiber haben nach unseren auf der Böschung liegenden schwer verwundeten Leuten mit Steinen geworfen, sie ausgelacht. Ein Herr aus Aachen fährt mit Kraftwagen und Militärchauffeur durch einen belgischen Grenzort, Gemmenich: hinter dem Ort hält der Wagen, der Herr steigt aus, geht einige Schritte abseits zur Verrichtung eines Bedürfnisses, es fällt ein Schutz aus einer Hecke, der Mann sinkt tot hintenüber. Das also ist der Kampf des zivilisierten belgischen Volkes. Da soll einem nicht das Blut in den Adern kochen, einem nicht die Wut die Ueberlegung rauben und da wundern sich die Belgier,wenn wir gegen Zivilbevölkerung, die auch nur im Verdacht der Täterschaft steht, rücksichtslos vorgehen. Das Herz geht einem auf, und civis Germanicus sum ist ein stolzes Wort geworden, wenn man die Haltung unseres herrlichen Heeres sieht, aber es blutet auch desto mehr, wenn unsere armen Jungens verbluten müssen unter der Schrotspritze eines Bauers oder dem Küchenmesser einer fanatischen Belgierin. Da soll es einem übelgenommen werden, wenn man die Dörfer, in dem unsere Leute solchen Angriffen ansgesetzt sind, vom Erdboden vertilgt?! Ich übernehme für meine Angaben jede Bürgschaft.
[Offenbacher Abendblatt vom 11. August 1914]
▶
- … ↑
| Empfohlene Zitierweise: | „Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914, Abschnitt 102: 11.8.1914: Bericht über belgische Greuel“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/161-102> (aufgerufen am 06.05.2026) |
|---|

