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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Karl Spieß, Die Mobilmachung in Biedenkopf und die Kriegsmonate bis März 1916

Abschnitt 16: Abschnitt 16

[Sp. 253-254]
[Fortsetzung: Die Kriegsmonate Oktober und November in Biedenkopf. In: Mitteilungen aus Geschichte und Heimatkunde des Kreises Biedenkopf, 8. Jahrgang, Nr. 11, 17. Dezember 1914, Sp. 253-256]


Nun sind auch die Monate Oktober und November dahingegangen und der Krieg dauert mit unverminderter Heftigkeit fort. Aber in der Stadt geht das Leben seinen ruhigen Gang; wenigstens hat man sich mit der traurigen Tatsache allmählich abgefunden und die Nervosität hat nachgelassen. Es mag geschäftliche Betriebe geben, die die Folgen des Kriegs nachteilig spüren und zweifellos gehören dazu die Gastwirte, deren Fremdenzimmer leer stehen und deren Säle keine Rente bringen, indessen finden unsere Arbeiter hinreichende Beschäftigung und von einer Not darf man wohl nicht reden. Die regelmäßig erscheinenden Telegramme von den Kriegsschauplätzen begegnen natürlich nach wir vor der lebhaftesten Anteilnahme und, wie überall, so werden auch hier diese Nachrichten eifrig besprochen und hie rund dort wird Bierbankpolitik getrieben. Im großen und ganzen hat sich die anfängliche Zuversicht behauptet und man blickt voller Vertrauen in die Zukunft. Der kriegerischen Ereignisse, die den Anlaß zu besonders lauter Freude gaben, sind es nicht viel. Am 16. und 26. November nur hörten wir Böller und Siegesglocken. Das einemal handelte es sich um 28.000, das andermal um 40.000 Russen, die unsere Deutschen „abserviert“ hatten. Zwar trafen noch viele andere gute Nachrichten ein, aber die nahm man als etwas selbstverständliches, natürlich hin und macht nicht viel Wesens davon.

Daneben standen beide Monate im Zeichen der fortgesetzten Liebestätigkeit für unsere Krieger. Es ist in der Tat hocherfreulich und erstaunlich, was unsere Mitbürger darin geleistet haben und noch immer leisten. Die berufenen Vereine und die Bürgerschaft überbieten sich gradezu in der Herbeischaffung von Mitteln für den guten Zweck. Frauen und Jungfrauen, hoch und niedrig, sitzen noch immer Montag abends in den breiten Lehnstühlen unserer Stadtväter und stricken. Sie verarbeiten das Garn, das der hiesige Frauenverein mit Hilfe von Haus zu Haus gesammelter Gelder beschafft hat, zu Strümpfen, Knie- und Pulswärmern, Kopfschützern und dgl. Mehr. Zeitweise liest die Vorsitzende „Erlebnisse aus dem 70er Krieg“ vor und während ihr die vielen Zuhörerinnen andächtig lauschen, arbeiten die Finger hurtig und bringen manches warme Stück zustande, das unsern Kämpfern gut tun soll. Nur Biedenköpfer Krieger bekommen die Sachen und nur die bedürftigsten von ihnen. Nicht weniger denn hundertundsiebzig Päckchen mit Wollwaren sind zur Post gegeben. Sie sollen ein Weihnachtsgeschenk der hiesigen Ortsgruppe des Frauenvereins darstellen. Andere Wollsachen sind der Sammelstelle I des Roten Kreuzes zugeführt, die sie an die Zentralstelle in Cassel sandte. Die Sammelstelle II des Roten Kreuzes aber sammelte Geld in der Stadt und ließ zweihundertsechsundsiebzig Paketchen an die Vaterlandsverteidiger abgehen. Einer bekam dasselbe wie der Andere: ein Würstchen, Tabak, Zigarren und Schokolade. Noch anderweit sind die Biedenköpferinnen tätig. Sie nähen nach wir vor in Meiers Saal. Dort wird das gestiftete Leinen verarbeitet, das gleichfalls der im Hause des Kreisarztes [Sp. 254] eingerichteten Sammelstelle I zugeführt wird, die die Waren samt all den übrigen aus Stadt und Land gespendeten Gaben ordnet, verpackt und verschnürt und zur Bahn befördern läßt. Spediteur Prätorius ist uneigennützig genug, das alles unentgeltlich zu besorgen. Und viele Kisten sind unmittelbar den im Argonnenwald liegenden 83ern zugesandt worden.


Empfohlene Zitierweise: „Karl Spieß, Die Mobilmachung in Biedenkopf und die Kriegsmonate bis März 1916, Abschnitt 16: Abschnitt 16“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/1-16> (aufgerufen am 06.05.2026)