Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen

Hessian World War I Primary Sources

↑ Karl Spieß, Die Mobilmachung in Biedenkopf und die Kriegsmonate bis März 1916

Abschnitt 6: Spionagefurcht und Sabotagegerüchte

[Sp. 238-239]
Die Reservisten und Landwehrleute sind im Laufe der ersten Woche nach der Mobilmachung eingerückt. Wer von ihnen noch am Dienstag Abend am Orte war, hatte Gelegenheit, den Gottesdienst zu besuchen und das Abendmahl zu nehmen. Viele folgen dem Rufe der Glocken, suchen und finden Trost im Gotteshause. Werden die Krieger wohlbehalten an ihren Bestimmungsort, an die Grenzen gelangen? Eine bange Frage, die sich uns aufdrängt, wenn wir die unheimlichen Spionagegerüchte vernehmen, die das Land durchschwirren und auch in unserer Stadt Angst und Besorgnis verbreiten. „Russische Spione machen das Land unsicher! Russische Flieger und französische Autos in Sicht! Bewacht die Eisen­bahnen, schützt die Brücken und Telegraphenleitungen!" So und anders lauten Aufrufe in den Blättern und Mitteilungen, die von Mund zu Munde gehen. Die Biedenköpfer lassen sich nicht nachsagen, daß sie etwas versäumt haben. Sie passen scharf und gewissenhaft auf. Am Frauental und auf der Ludwigshütte werden Wachen eingerichtet, Doppelposten mit geladenen Gewehren bei dreistündiger Ablösung. Auch die Eisenbahnbrücken beim Seewasen und auf der Ludwigs­hütte werden bewacht.

Das Bild kennzeichnet so recht den Ernst der Lage. Die Posten halten die Waffen schußbereit, sie wissen, daß die neue Technik dem Feinde so viele Zerstörungsmittel an die Hand gibt; im Rocke eines scheinbar harmlosen Arbeiters kann ein Verbrecher stecken, im jugendlichen Radfahrer ein verderbenbringender Spion. Aber wir können uns ruhig schlafen legen, Verbrecher wagen sich nicht heran, es entwischt auch hier kein Auto. Die eisernen Ketten und die quer über den Weg ausgestellten Erntewagen sperren die Fahrt und an den Brücken wird sich ebensowenig Jemand unbemerkt in böser Absicht zu schaffen machen. Aber es heißt achtgeben. Bald ruft das Telephon: „über Dodenau sind französische Flieger gesichtet, sie nähern sich der Kreisstadt", dann werden Aeroplane von Laasphe her gemeldet, auch Kraftwagen sind unterwegs, die einen Schatz von tausend Millionen in goldner Münze von Frankreich nach Rußland verbringen wollen. Ausgerechnet tausend Millionen! Die Eisenbahnbrücke bei Cölbe soll gesprengt werden und bei Weifenbach hat sich ein Verdächtiger an der Fernsprechleitung zu schaffen gemacht. Solche und andere Gerüchte wirken beunruhigend und ver­breiten Schrecken. Aber es kommt kein Flieger und es kommt auch kein feindliches Auto, alle Kraftwagen und Radfahrer sind legitimiert und es fällt kein einziger Schuß aus die Wachen. Wohl berühren nach wie vor Handwerksburschen die Stadt, einige neue Kurgäste machen es sich heimisch – zwar alle fremden Gesichter haben in dieser Zeit einen russischen Anstrich, aber es ist kein Spion und kein Bombenwerfer zu entdecken. Als jedoch die erste Woche ihrem Ende naht, da läßt die Furcht vor den Spionen nach und man gewinnt Zeit, seine Aufmerksamkeit auf die Dinge zu richten, die sich aus den Kriegsschauplätzen entwickeln. – Manches Brautpaar noch, das im Laufe des Nachsommers oder des Herbstes vor den Altar treten wollte, macht von seinem Kriegsrecht Gebrauch und schließt, bevor der Bräutigam die Felduniform anlegt, die Ehe. Still und im schmucklosen Kleid. Tränenfeuchte und von Weinen gerötete Augen, nichts von all' der Freude, [Sp. 239] die sonst eine solche Handlung zu begleiten pflegt. Der Krieg tritt in sein Recht und reißt schon bald unbarmherzig von­einander, was sich soeben gefunden.


Persons: Spieß, Karl
Places: Biedenkopf · Ludwigshütte · Dodenau · Cölbe · Weifenbach · Laasphe · Frankreich · Russland
Keywords: Reservisten · Landwehr · Mobilmachung · Gottesdienste · Spionenfurcht · Spione · Russen · Flugzeuge · Bahnwachen · Sabotage · Straßensperren · Handwerksburschen · Kurgäste · Kriegstrauungen
Recommended Citation: „Karl Spieß, Die Mobilmachung in Biedenkopf und die Kriegsmonate bis März 1916, Abschnitt 6: Spionagefurcht und Sabotagegerüchte“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/en/purl/resolve/subject/qhg/id/1-6> (aufgerufen am 15.07.2020)
 
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