Hessische Biografie
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GND-Nummer
117274550
Schirach, Carl Baily von [ID = 25285]
- * 10.11.1873 Kiel, † 11.7.1948 Weimar
Theaterintendant - Biografischer Text
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Karl von Schirach wurde 1873 als zweiter Sohn Friedrich Karls von Schirach und dessen Frau Elizabeth Baily Norris in Kiel geboren. Im Jahr 1895 lernte seine zukünftige Ehefrau Emma Middleton Lynah Tillou kennen und heiratete sie ein Jahr später am 14. Oktober 1896. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Karl, Rosalind, Baldur und Viktoria.
Als Kind wurde von Schirach als introvertiert beschrieben und entwickelte wohl gerade deswegen eine Neigung zu Kunst und Musik. Nach dem Ende seiner Schulzeit trat von Schirach in die preußischen Armee ein, aus der er 1908 im Rang eines Rittmeisters ausschied. Seine Neigung zum Theater hatte er in dieser Zeit keineswegs ruhen lassen und Unterricht beim berühmten Regisseur Max Martersteig an den städtischen Bühnen Köln genommen. Auf Bitten Großherzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar übernahm er am 19. Dezember 1908 die Intendanz des Weimarer Hoftheaters und wurde zudem großherzoglicher Kammermeister.
Das Ende des Ersten Weltkrieges veränderte das Leben Karl von Schirachs und seiner Familie grundlegend. In den politischen Umstürzen verlor er seine Stellung am Weimarer Hof und als Intendant. Nur das Familienvermögen in den USA bzw. die Zinsen daraus verhinderten ein Abrutschen in die soziale Armut, da von Schirach in der Folgezeit keine Anstellung fand. Ein besonders harter Schicksalsschlag für ihn war der Selbstmord seines ältesten Sohnes im Jahr 1919. Als erklärter Gegner der Weimarer Republik trat er am 29. August 1925 der NSDAP und vier Jahre später dem Kampfbund für deutsche Kultur bei.
Seine Karriere als Theaterintendant erhielt mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten neuen Antrieb. In Wiesbaden hatten die Nationalsozialisten schon Ende der 1920er Jahre für einen deutschen Kulturbetrieb gekämpft, wie der damalige jüdische Intendant Paul Bekker schmerzhaft erfahren musste. Nach dessen Ablösung und der Versetzung seines Nachfolgers Max Berg-Ehlert wurde Karl von Schirach am 3. September 1933 zum Generalintendanten des Wiesbadener Staatstheaters ernannt. Man erwartete, dass er als altes Parteimitglied und Inhaber des goldenen Parteiabzeichens sowie Mitglied im Kampfbund für deutsche Kultur im Gegensatz zu Berg-Ehlert, welcher dem Publikum „jahrelang einen betont undeutschen Spielplan vorgesetzt“ (Kasseler Post vom 10. März 1933) habe, das Programm nach den Richtlinien der Partei gestalten werde.
Zu Schirachs Amtsantritt war die große Entlassungswelle von jüdischen und politisch anders denkenden Künstlern bereits vorüber. Unter seiner Ägide wurden unter anderem 1934 der als Mischling eingestufte Opernsänger Friedrich Ginrod entlassen, andere wie der Schauspieler Selma Victor 1935 zwangspensioniert. Auf der anderen Seite gibt es Beispiele für den Einsatz von Schirachs für seine Mitarbeiter. So ersuchte der Intendant darum, den Posaunisten und Kammermusiker Paul Freitag, der mit einer Halbjüdin verheiratet war, wegen dessen guter Leistungen sowie der langjährigen Zugehörigkeit zum Ensemble weiter zu beschäftigen.
Karl von Schirach wirkte als Intendant bis 1943 und zog sich darauf nach Weimar zurück, wo er 1948 verstarb.
Oliver Teufer
- Literatur
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- Wiesbaden. Das Stadtlexikon, hrsg. vom Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden, Darmstadt 2017, S. 792 (Oliver Teufer)
- Hannes Heer, Verstummte Stimmen : die Vertreibung der "Juden" und "politisch Untragbaren" aus den hessischen Theatern 1933 bis 1945, Berlin 2011
- Renkhoff, Nassauische Biographie, 2. Aufl., Wiesbaden 1992, S. 699, Nr. 3827
