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Die Gemeinde Hattenbach im Landkreis Hersfeld-Rotenburg als „Punkt Null“ eines Atomwaffenangriffs im US-Fernsehen, 15. Juni 1981

Die im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gelegene Gemeinde Hattenbach wird im zweiten Teil einer fünfteiligen Dokumentation des US-Fernsehsenders Columbia Broadcasting System (CBS) in einer kurzen Sequenz als Miniaturnachbildung auf einem Geländemodell in der Kommandeursschule der US-Armee in Fort Leavenworth, Kansas, gezeigt. Die Erstausstrahlung der 52-minütigen Sendung wird um 22:00 Uhr Ortszeit (10:00 p. m.) ausgestrahlt. In der betreffenden Sequenz erscheint das Modell Hattenbachs und seiner näheren Umgebung als Studienobjekt, an dem auszubildende Offiziere militärische Optionen diskutieren. Hattenbach stellt in diesem Modell einen sogenannten Bodennullpunkt oder „Punkt Null“ (engl. „Ground Zero“) dar, also einen Punkt in der osthessischen Landschaft, auf dem oder über dem eine Nuklearexplosion stattgefunden hat oder stattfinden soll. Der Sprecher der Reportage begleitet die Fernsehbilder mit folgendem Kommentar:

In der politischen Debatte wird der Atomkrieg ein Abstraktum. Dieses Sandkastenspiel sieht unschuldig genug aus, bis man sich klar ist, daß es sich um das Modell einer echten Stadt handelt und daß diese Stadt im Verlauf des Kriegsspiels zerstört wird. Wir haben diese Stadt gesucht: Sie heißt Hattenbach und liegt ungefähr 30 Kilometer von der ostdeutschen Grenze entfernt. Sie überlebte schon zwei Weltkriege, würde aber im nächsten untergehen. Vom Osten haben sie die Sowjets mit ihren taktischen Atomwaffen im Visier, und im Westen steht die Atomartillerie der USA. Auf der Armeekarte liegt Hattenbach bei Punkt Null. Genau auf Punkt Null kann man bei einer 10-Kilotonnen-Waffe Temperaturen über 7000 Grad Fahrenheit erwarten. Im Umkreis von Punkt Null wird nichts mehr da sein. Was da ist, würde buchstäblich weggeblasen – keine Ortschaft mehr, nur ein Trümmerhaufen aus flachen Trümmern.1

Die Berichterstattung deutscher Medien über die US-Fernsehdokumentation und die Kennzeichnung Hattenbachs als Atomwaffenziel in der US-Militärstrategie (zuerst durch das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL im Juni 19812) führt in der Folge dazu, dass der kleine, etwa 630 Einwohner zählende Ort massenmedial „zu einem Symbol für die mögliche Zerstörung beider deutscher Staaten“ und zu einer »Manifestation unmittelbarer Betroffenheit« aufgebaut wird, die »den gespaltenen Umgang der Deutschen mit den Auswirkungen, die eine atomar gestützte Verteidigung für sie selber haben könnte« versinnbildlicht.3 Die Anhänger der Friedensbewegung, die den Reportageteil der CBS-Dokumenten kurzerhand zum »Hattenbach-Film« erklären, sehen in den dargestellten Zusammenhängen einen Beweis für die konkrete Vernichtungsgefahr, die Teilen der Bundesrepublik durch den Einsatz von Atomwaffen im »Verteidigungsfall« absurderweise sowohl von sowjetischer als auch von amerikanischer Seite droht. In einer am 16. November 1987 im ZDF ausgestrahlten Reportage-Sendung (22:40 Uhr, »Krieg und Frieden«) beschäftigt sich der Journalist Stefan Aust (geb. 1946) erneut mit Hattenbach als Atomwaffenzielscheibe in den Militärsimulationen der amerikanischen Streitkräfte. Das ZDF sendet am 2. und am 9. August 2011 (jeweils 22:45 Uhr) eine zweiteilige Reportage-Sendung unter dem Titel »Pershing statt Petting«, in der das Dorf Hattenbach erneut zum Ausgangspunkt der Berichterstattung über die atomare Kriegsgefahr Anfang der 1980er Jahre und ihre politische Bewältigung wird.
(KU)


  1. Zitiert nach Susanne Schregel, Der Atomkrieg vor der Wohnungstür, Frankfurt am Main 2011, S. 167.
  2. Im März 1982 greift der SPIEGEL das Thema noch einmal ausführlich auf.
  3. Susanne Schregel, Der Atomkrieg vor der Wohnungstür, Frankfurt am Main 2011, S. 172.
Belege
Weiterführende Informationen
Hebis-Schlagwort
Niederaula-Hattenbach ; Friedensbewegung
Empfohlene Zitierweise
„Die Gemeinde Hattenbach im Landkreis Hersfeld-Rotenburg als „Punkt Null“ eines Atomwaffenangriffs im US-Fernsehen, 15. Juni 1981“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/4897> (Stand: 7.9.2020)
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