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Synagogen in Hessen

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Großherzogtum Hessen 1823-1850 – 22. Darmstadt
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Wallerstädten Karten-Symbol

Gemeinde Groß-Gerau, Landkreis Groß-Gerau — Von Wolfgang Fritzsche
Basisdaten | Geschichte | Betsaal / Synagoge | Weitere Einrichtungen | Nachweise | Indizes | Empfohlene Zitierweise
Basisdaten

Juden belegt seit

um 1620

Lage

64521 Groß-Gerau, Stadtteil Wallerstädten, Sanddeich 1 | → Lage anzeigen

Rabbinat

Darmstadt I

religiöse Ausrichtung

liberal

erhalten

ja

Gedenktafel vorhanden

nein

Weitere Informationen zum Standort

Historisches Ortslexikon

Geschichte

Die ältesten Hinweise auf jüdische Einwohner in Wallerstädten stammen aus der Zeit um 1620/30, als jeweils ein Jude den sogenannten Judenzoll zu entrichten hatte.1 Da die nächst jüngeren schriftlichen Nachweise erst ab 1739 vorliegen, lässt sich daraus aber kein dauerhafter Aufenthalt ableiten. In diesem Jahr wurde dem Wallerstädter Joseph Löw Ende Juli ein Sohn geboren, der bei der Beschneidung den Namen Löw erhielt. Bereits im April 1740 wurde Feist Löw Vater genannt, als sein Sohn Löw geboren wurde. Diese und die folgenden Einträge weisen darauf hin, dass es trotz der Vertreibungspolitik im nahe gelegenen Groß-Gerau zunächst nur zwei jüdische Familien im Ort gab. Dies änderte sich erst um 1754, als die erste Geburt für Seckel Feist verzeichnet wurde.2 Gleichwohl wird die Zahl jüdischer Familien im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts kaum nennenswert gestiegen sein.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts, als Juden feste Familiennamen annehmen mussten, werden die Namen Oppenheimer und Hirsch genannt. Aus der Familie Oppenheimer stammten auch die für die Industriealisierungsgeschichte Groß-Geraus wichtigen Oppenheimers, die nach ihrer Übersiedlung in die Stadt in der dortigen Mainzer Straße eine Eisenwarenhandlung eröffneten.

Heyum Hirsch unterhielt gute Beziehungen zu dem damaligen Pächter der Großherzoglichen Domäne Rheinfelden in Wallerstädten und verkaufte dessen landwirtschaftliche Produkte. Unter anderem sein Engagement führte zu einem Ausbau der hofeigenen Brennerei. Einer seiner Söhne erlernte die Likördestillation und gründete 1866 gemeinsam mit seinem Bruder die Firma „H. Hirsch + Söhne”, eine Likördestillerie. Sie verarbeiteten erfolgreich Kartoffelspiritus und verlegten wenig später das Geschäft ebenfalls nach Groß-Gerau.3

1830 lebten in Wallerstädten 33 jüdische Einwohner. Damit war sowohl absolut als auch relativ der höchste Stand erreicht. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts ging die Zahl wieder zurück, so dass sich die Gemeinde vermutlich Ende der 1890er Jahre auflöste. Die im Ort verbliebenen ehemaligen Gemeindemitglieder gehörten fortan zur Gemeinde Groß-Gerau. 1905 lag die Zahl der jüdischen Einwohner bei 12 Personen, was 1,2 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte, 1933 noch bei acht, die aus den Familien Oppenheimer und Rohrheimer stammten.4

Auch wenn es keine religiöse Gemeinde mehr gab, engagierten sich jüdische Einwohner auch in der politischen Gemeinde. So zählt beispielsweise Salomon Rohrheimer zu den Gründungsmitgliedern der Volksbank und des 1907 gegründeten Waisenschutzvereins, der bis heute besteht.5

In der Pogromnacht wurden Privathäuser überfallen und geplündert. Dabei stahl man auch die in Kisten verpackten Einrichtungsgegenstände der ehemaligen Synagoge, die auf dem Dachboden des Hauses Oppenheimer in der Kirchgase 6 untergebracht waren.6

Mitglieder beider Familien wurden im Holocaust deportiert und ermordet.

Betsaal / Synagoge

Es ist davon auszugehen, dass sich spätestens seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Zahl der Gemeindemitglieder ihren höchsten Stand erreicht hatte, ein Betraum in einem Privathaus befand. Nachweisbar wird dieser Raum 1862, als Wolf Hirsch sein Haus an Wendel Thon verkaufte und damit der darin untergebrachte Betraum nicht mehr nutzbar war. Hinter dem Verkauf steckte wohl eine heftige, gemeindeinterne Auseinandersetzung. Als der Vorstand dem Verkauf schließlich zustimmte, tat er dies, damit „die viele Störungen und Partheilichkeiten welche darin vorkommen, [und] damit die vielen Belästigungen sowohl für das Großherzogliche Kreisamt als auch für das Großherzogliche Landgericht damit aufhören.“7

Möglicherweise hat dieser Streit mit dem einige Jahre zuvor geplanten Bau einer Synagoge zu tun. 1854 hatte das Kreisamt berichtet, dass es in Wallerstädten bereits eine entsprechende Einrichtung gab, die durch eine neue Synagoge ersetzt werden sollte. 1860 legte der Großherzogliche Geometer Peter Drott den Neubau- und Lageplan vor. Das neue Gebäude sollte in der Kirchgasse, heute Johann-Peter-Hehl-Straße, gegenüber des Friedhofs erbaut werden. Sie sollte trotz Einstöckigkeit außer dem eigentlichen Synagogensaal eine Frauenempore und eine Mikwe enthalten.8 Das Bauvorhaben wurde allerdings nicht ausgeführt. Stattdessen erhielt Feist Hirsch II. am 9. Juli 1864 die Genehmigung, für die israelitische Gemeinde ein Haus in der Straße Sanddeich (heute Sanddeich 1) zu erbauen. Dieses erwarb die Gemeinde für etwa 1.300 Gulden, die im Wesentlichen durch Spenden in der Provinz Starkenburg aufgebracht wurden.9 1869 erfolgte der Anbau eines Frauenbades.10

Im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten viele Juden aus Wallerstädten ab, beispielsweise nach Groß-Gerau, oder nach Amerika aus. Mitte 1897 kamen die verbliebenen Gemeindemitglieder Gerson, Löb und Marx Oppenheimer mit der Bitte ein, das Synagogengebäude verkaufen zu dürfen. Schon lange, so führten sie aus, besuchten sie den Gottesdienst in Groß-Gerau, da die erforderliche Zahl an Teilnehmern in Wallerstädten nicht mehr aufzubringen sei. Nun wollte noch im laufenden Jahr auch Gerson Oppenheimer nach Amerika auswandern, womit die Gemeinde als aufgelöst betrachtet werden müsste. Das Gebäude sollte für 1.800 Mark an das Ehepaar Leopold Rieger verkauft und eine der Thorarollen nach Groß-Gerau, die andere nach Bischofsheim verschenkt werden, da sie durch ihren häufigen Gebrauch wohl keinen Wert mehr hätten. Die anderen Einrichtungsgegenstände wollten die Verbliebenen unter sich aufteilen.11 Zumindest ein Teil davon kam auf den Dachboden des Hauses Oppenheimer, Kirchgasse 6, von wo es vermutlich in der Pogromnacht gestohlen wurde.

Weitere Einrichtungen

Mikwe

1869 erfolgte der Anbau eines Frauenbades an die Synagoge.12

Friedhof

Die Verstorbenen wurden auf dem Friedhof in Groß-Gerau beigesetzt.

Groß-Gerau, Jüdischer Friedhof: Datensatz anzeigen

Nachweise

Weblinks

Quellen

Literatur

Abbildungen

Fußnoten
  1. HStAD O 61 Müller, in 5
  2. HHStAW 365, 379
  3. Schleindl: Verschwundene Nachbarn, S. 187
  4. Schleindl: Verschwundene Nachbarn, S. 186
  5. Schleindl: Verschwundene Nachbarn, S. 187
  6. Schleindl: Verschwundene Nachbarn, S. 189
  7. HStAD G 15 Groß-Gerau, L 29
  8. Abdruck der Pläne bei Grießer: Wallerstädten, S. 27
  9. HStAD G 15 Groß-Gerau, L 29
  10. Grießer: Wallerstädten, S. 26
  11. HStAD G 15 Groß-Gerau, L 29
  12. Grießer: Wallerstädten, S. 26
Empfohlene Zitierweise
„Wallerstädten (Landkreis Groß-Gerau)“, in: Synagogen in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/syn/id/52> (Stand: 27.3.2025)