Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Sarajewo und die Julikrise 1914
- Nachrichten über die Ereignisse in Berlin
- Verkündung der Mobilmachung in Berfa
- Abreise der ersten Kriegsteilnehmer aus Berfa
- Abrücken aller Reservisten und Landwehrmänner
Abbildungen
↑ Schulchronik von Berfa, 1914-1918
Abschnitt 4: Abreise der ersten Kriegsteilnehmer aus Berfa
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Sonntag, den 2. August, 1. Mobilmachungstag. Schon morgens um 6 Uhr geht die Ortsschelle. Pferdeabmarsch wird bekannt gegeben. Ich gehe durchs Dorf und sage den Gottesdienst um ½ 9 Uhr an; sonst kam der Herr Pfarrer erst um ½ 1 Uhr. Dann mußten jedoch die ersten Kriegsteilnehmer abrücken, darum so früh. Um ½ 9 Uhr beginnt der denkwürdige Gottesdienst. So voll war die Kirche noch nie. Viel Weinen während der Predigt. Nach derselben singe ich ohne Orgelbegleitung: O Lamm Gottes, unschuldig. Während des Gesanges treten 44 Kriegsteilnehmer um den Altar. Mitten unter Ihnen Herr Pfarrer Rausch. Ein ergreifendes Bild! Nach dem Gesang beginnt der Herr Pfarrer: So habt ihr wohl noch nie zusammengestanden und nun legt er ihnen in zu Herzen gehenden Worten ihre Pflicht aus und schließt mit der Mahnung: So geht nun hin und tut Eure schwere Pflicht! Kein Weinen aus den Augen der 44; nur hie und da ein verhaltenes Zucken, ein feuchtes Schimmern in den Augen. Auch mein lieber Kollege Gremmel nimmt das Hl. Abendmahl. Nach Genuß desselben drücke ich ihm die Hand! Möge Gott ihn schützen und unserer Schule erhalten! Nach dem Gottesdienst finden 2 Taufen in der Kirche statt. Adam Schmitt und Heinrich Daum lassen schnell ihre Kinder taufen, beide sind Kriegsteilnehmer: Ebenso ist eine Taufe bei Schuhmacher Konrad Schäfer. Seine junge Frau gebar ½ Stunde nach Bekanntgeben der Mobilmachung ihren ersten Sohn. Da der Vater ebenfalls einrücken muß, wurde das Kind sofort getauft. Gott schütze Eltern und Kind! [S. 8]
Sofort nach der Kirche war Versammlung im Kriegerverein. Hornist Heinrich Daum rief sie durch Hornruf zusammen. Der Vorsitzende des Kriegervereins, Herr Forstaufseher Thamer, Vater von 2 Kriegsteilnehmern, hielt eine Ansprache an alle militärpflichtigen Mitglieder des Vereins und ermahnte sie, ihrem Fahneneid getreu, sich ihrer Väter im Kampfe wert zu zeigen. Ein Hoch auf den Landesfürsten1 beschloß die Ansprache. Zum letzten Male tranken wir zu solch früher Morgenstunde ein Glas Bier mit dem Wunsche: Auf ein fröhliches Wiedersehn, so Gott will nach beendetem siegreichen Kriege! Nur ganz kurz, kaum ½ Stunde konnten sie zusammen sein. Um 11 Uhr fuhr Herr Landwirt Heinrich Thamer die ersten Kriegsteilnehmer fort. Es waren dies Mauermeister Loos, Maurer Peter Schäfer, Maurer Heinrich Wackenroth, Maurer Johannes Hennighausen und Knecht Heinrich Gerst. Als sie den Wagen bestiegen hatten – fast alle Einwohner des ganzen Dorfes waren zugegen, ebenso der Herr Wachtmeister aus Breitenbach – und die Pferde anzogen, rief ich: Hoch Kaiser Wilhelm. Wie aus einem Munde riefen alle Zuschauer und die 5 Kriegsteilnehmer im Fortfahren dreimal ein donnerndes Hurra! So fuhren die ersten Krieger zum Dorfe hinaus. Ja, solche Augenblicke vergißt man nie! Der 2te Gottesdienst fiel wegen Ausrückens der ersten Krieger aus. Nun gingen die Dorfbewohner wieder nach Hause und andere rüsteten sich zur Abfahrt. Gar verändert hatte sich das Aussehen des Einganges zur Posthilfsstelle bei Gastwirt Stumpf. Da hing an der Haustür der Kriegsfahrplan, die Bekanntmachung der Mobilmachung und eine ganze Menge Plakate mit Bekanntmachungen, die in der Nacht von Automobilen gebracht wurden. Mit großem Interesse erwartete ich die Zeitung vom Sonntag, den 2. August. Das wichtigste aus derselben will ich jetzt bringen:
[Es folgt eine Zusammenfassung von Meldungen aus Berlin, München, Paris usw., Meldungen über die russische, französische und deutsche Mobilmachung, erste russische Angriffe, die Sitzung des Reichstages, Ansprache des Kaisers usw.] [...]
[S. 11] So will ich schließen mit dem 1. Mobilmachungstag, ein schöner Augustsonntag, an dessen Nachmittag ich nach Lingelbach mit Familie ging, um Abschied zu nehmen von einem Vetter, der ebenfalls ins Feld muß. Ich habe versucht zu schildern, wie die Mobilmachung in unserm Dorfe aufgenommen und sich am ersten Tage vollzog, habe auch manches Denkwürdige aus den Zeitungen, die jetzt ein ganz anderes Gesicht tragen als sonst, niedergeschrieben, damit nachfolgende Geschlechter etwas erfahren in unserem Dörfchen, wie es in der großen, ernsten und doch so herrlichen Zeit gewesen ist. In keinem Lande der Welt möchte ich jetzt lieber wohnen als in unserem Deutschland. Gott schütze und erhalte es!
Montag, den 3. August fährt Landwirt Heinrich Merle 4 Krieger fort. Sie heißen 1) Wagner Heinrich Stumpf, Landwirt Heinrich Thamer, Sohn des Forstaufsehers Thamer, 3) Holzarbeiter Joh. Heinrich Doublier, 4) Maurer Heinrich Loos. Alle Dorfeingänge u. Ausgänge werden bewacht; ebenso die Brunnen; es sollen feindliche Spione im Auto aufgehalten werden. Die Ortseinwohner müssen abwechselnd Tag u. Nacht Wache stehen; verwendet werden die Gewehre des Kriegervereins. Auch Kollege Gremmel und ich stehen freiwillig 7 Stunden Wache. In der Nacht zum Dienstag, 12 Uhr, gehen die Pferde ab nach Treysa. Ebenso rückt Landwirt Konrad Ritter aus der Biegenmühle mit ab. Der Kriegshafen Libau2 in Brand geschossen. Luxemburg ist zum Schutze der dort befindlichen deutschen Eisenbahnen von Truppenteilen des 8. Armeekorps besetzt. Dem russischen Botschafter v. Swerbajew sind die Pässe zugestellt worden.
Dienstag, den 4. August. Heute erster Schultag nach den Ferien. Von den ausgemusterten Pferden wurden 11 Stück behalten. Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Frankreich. Amtliche Meldung: Bisher hatten die deutschen Truppen dem erteilten Befehle gemäß die französische Grenze nicht überschritten. Dagegen greifen seit gestern französische Truppen ohne Kriegserklärung unsere Grenzposten an. Sie haben, obwohl uns die französische Regierung noch vor wenigen Tagen an die Einhaltung einer unbesetzten Zone von 10 Klm zugesagt hatte, an verschiedenen Punkten die deutsche [S. 12] Grenze überschritten. […]
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| Empfohlene Zitierweise: | „Schulchronik von Berfa, 1914-1918, Abschnitt 4: Abreise der ersten Kriegsteilnehmer aus Berfa“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/153-4> (aufgerufen am 06.06.2026) |
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