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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Schulchronik von Berfa, 1914-1918

Abschnitt 3: Verkündung der Mobilmachung in Berfa


Diese letzten Nachrichten standen in der Nummer vom Sonnabend, den 1. August. Das war ein langer Tag. Am Freitag Kriegszustand, Sonnabend Morgen die bange Frage: Ist mobil? Stunde um Stunde entrinnt. Die Dorfbewohner gehen zum Kornschneiden; der Briefträger wird umlagert gegen 3-4 Uhr nachmittags: Ein Aufruf des Kommandierenden Generals an die Bevölkerung des XI. Korpsbezirks lautet also: Seine Majestät der Kaiser hat das Reichsgebiet in Kriegszustand erklärt. Für diese Hoffnung Maßregel sind lediglich Gründe der raschen und gleichmäßigen Durchführung der Mobilmachung maßgebend und nicht etwa die Besorgnis, daß die Bevölkerung die vaterländische Haltung werde vermissen lassen. Die Schnelligkeit und Sicherheit unseres Aufmarsches erfordert einheitlich und zielbewußte Leitung der gesamten vollziehenden Gewalt. Wenn durch die Erklärung des Kriegszustandes die Gesetze verschärft werden, so wird dadurch niemand, der das Gesetz beachtet und den Anordnungen der Behörde Folge leistet, in seinem Tun und Wirken beschränkt. Ich vertraue, daß die gesamte Bevölkerung alle Militär- und Zivilbehörden freudig und rückhaltlos unterstützen und damit die Erfüllung unserer hohen vaterländischen Pflichten erfüllen erleichtern wird. Dann wird auch der alte Waffenruhm des 11. Armeekorps und des Heeres aufrecht erhalten und es vor den Augen unseres Kaisers und den Blicken der Nation in Ehren bestehen.
Cassel, den 31. Juli 1914. Der Kommandierende General, gez. von Plüsckow.

[S. 6] Die letzten Nachrichten lauten: Allgemeine Mobilmachung in den Niederlanden. Die russische Mobilmachung: Im Gouvernement Plozk sind die Mobilmachungspferde ausgehoben worden. Die 1., 2. u. 3. russische Kavalleriedivision stehen an der Grenze zwischen Wirhalten und Augustow. Von Allenstein die Meldung: Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die russische Mobilmachung an der Grenze in vollem Gange ist.

Kaspar Stumpf, der Inhaber der hiesigen Posthilfsstelle, hat Befehl, den Telegraphen nicht zu verlassen. Die Depesche muß alle Augenblicke kommen. Die Leute sind im Felde. Gremmel und ich haben keine Ruhe mehr, gehen zur Post. Die Entscheidung muß bald fallen. Etliche Männer sind in der Stumpfschen Wirtschaft. ¼ Stunde nach 6 Uhr, am Sonnabend den 1. August, klingelt’s am Telephon: Kaspar Stumpf kommt mit der Antwort: Alles mobil! Ich rufe Hoch Deutschland ! Ernstes Schweigen. Stumpf bringt den Mobilmachungsbefehl zum Bürgermeister. Gremmel und ich gehen mit, rufen den Leuten zu: Alles mobil! Ernste Männergesichter, lautes Aufweinen der Frauen. Bürgermeister, Stumpf, wir 2 Lehrer gehen zur Post zurück. Schon sammeln sich die Dorfbewohner. Da heftet Kaspar Stumpf die Depesche an: So einfach und doch so tiefernst: „Mobilmachung befohlen, 1. Mobilmachungstag der 2. August. Dieser Befehl ist sofort ortsüblich bekannt zu machen“.

Schon läuten die Sturmglocken, ernst feierlich, an einem sonnigen wunderschönen Augustsonnabend, diesmal keine Friedens- u. Feierabendglocken zur Einläutung des Sonntags, für manchen, manchen Vater, Sohn u. Bruder die Totenglocken. Eine große Menschenmenge steht vor der Posthilfsstelle in Wirtschaft Stumpf. In Hemdsärmeln vom Felde heimgesprungen, keiner möchte es glauben und doch ist’s bitterer Ernst. Solch ernste Gesichter hab ich mein Lebtag nicht gesehen, auch nicht solch herzzerbrechendes Weinen gehört. Ortsdiener Flohr, dessen Sohn ebenfalls abrücken muß, macht die Mobilmachung durch Ortsschelle bekannt. Wie mag ihm zu Mute sein! Die Arbeiter, Maurer, mit dem Rucksack auf dem Rücken, von der Arbeit heimkommend, mit Tränen in den Augen sagt einer zu mir: Herr Lehrer, ich muß morgen schon fort! Ich suche ihn zu begeistern, daß er Mut fassen soll. – Ich hatte für den Abend um 9 Uhr Gesangstunde angesetzt. Wer hätte das vor einer Woche gedacht! So wurde unsere Übungsstunde ein weihevoller, patriotischer Abend. Alle Vereinsmitglieder waren erschienen, bald füllte sich der Saal mit sonstigen Männern und Burschen. Ich hielt 2 patriotische Ansprachen, mit dem Leitvers: der Krieg, der nun beginnt, wird ein Weltkrieg werden, gegen den 1870/71 ein Kinderspiel ist. Wenn auch der Feinde viel sind, Deutschland wird nicht unterliegen, es muß dabei bleiben, „Deutschland über alles“. Der alte Gott wird uns nicht verlassen. Und als ich ein Hoch auf unsern Kaiser bei der ersten Ansprache ausbrachte mit den Worten: Unser Allergnädigster Kaiser u. König Wilhelm II., dem wir uns mit Gut und Blut verschreiben wollen, lebe hoch, hoch, hoch! Und bei der 2ten Ansprache ein Hoch auf unser deutsches Vaterland, das uns Gott schützen und erhalten möge, ausbrachte, da habe ich nie ein solches helles, blitzendes Leuchten der Augen gesehen, da ist wohl nie eine solche Andacht in einem Wirtshaussaale gewesen, als in dieser weihevollen Stunde. Auch die Lieder „Deutschland über alles“, „Heil Dir im Siegerkranz“ und das vom Verein vorgetragene Lied: Der Feind rückt an, den Stahl zur Hand, zur Grenzwacht zieht das Heer … Leb wohl, mein Lieb, mein Heimatland, o wie ganz anders klangen diese Lieder als sonst, ein heiliges Schauern ging [S. 7] durch unsere Seelen. Nun hielt Herr stud. theol. Georg Ehrhardt, Sohn des hiesigen Müllers Johann Heinrich Ehrhardt, der ebenfalls seinem Herzen folgend zu uns gekommen war, eine Ansprache an die große Menge Zuhörer. Nun ging ich ans Klavier und sprach: Lasset uns in diesen ernsten Stunden das alte Lutherlied singen „Ein feste Burg ist unser Gott!“ Stehend sang die Versammlung. „Ich glaube, so hats nie in der Berfaer Kirche geklungen und gewirkt. Als ich dann nach etlichen Tagen in den Zeitungen las, daß das alte Lutherlied in fast ganz Deutschland an dem Abend gesungen worden ist, da habe ich oft gedacht: „Es ist doch wunderbar, als hätte es uns Gott ins Herz gegeben. Ein solches Volk, so begeistert für König und Vaterland, mit solch warmen und gläubigen Herzen, kann nicht untergehn. Während der Versammlung erhalte ich von Herrn Pfarrer Rausch-Lingelbach Depesche, daß Sonntag morgens ½ 9 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl für die Kriegsteilnehmer ist. Ich bestelle die nötigen Vorbereitungen und verabschiede mich dann von den Leuten ihnen mitteilend, daß sich ihre Frauen in allen Angelegenheiten, wo sie irgend einen Rat bedürfen, an mich wenden sollen, ich wolle ihnen helfen, so viel in meinen Kräften stehe. Als ich dann fortgehe, da reichen mir viele – was sonst hier nicht üblich war, die Hand und bedanken sich. Als ich aus der Gastwirtschaft trete, stehen viele Frauen, die von außen sich Ansprachen u. Gesang angehört haben.


Empfohlene Zitierweise: „Schulchronik von Berfa, 1914-1918, Abschnitt 3: Verkündung der Mobilmachung in Berfa“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/153-3> (aufgerufen am 06.06.2026)