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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Schulchronik von Berfa, 1914-1918

Abschnitt 1: Sarajewo und die Julikrise 1914

[1-3]
Der Weltkrieg 1914

Nun soll’s wahr werden, was wir seit Jahren gehört haben: Es geht bald los! Krieg! Dies schreckliche Wort, das wir bisher nur von Hörensagen kannten, das sollen wir nun selbst erleben und mit durchleben. Was wird die Zukunft uns bringen? O, es wird sicher einen Krieg geben, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat. Deutschland wird einen Krieg führen müssen, gegen den der Krieg von 1870/71 ein Kinderspiel ist. Aber (mit Gottes Hilfe)1 es steht uns der alte treu[e] Gott bei, wie er unsern Vätern beigestanden hat. Bismarcks Wort: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“ wird auch in Zukunft wahr bleiben. „Mit Gott für König und Vaterland“, „für Kaiser und Reich“, das sei unsere Losung. [S. 2]2

Der 28. Juni 1914 ist der äußere Anlaß zu dem Weltkrieg, der nun beginnen wird. [… Attentat von Sarajewo, diplomatische Verhandlungen]

Wir hatten Sommerferien. Kollege Gremmel war nach Hause gereist. Ich nahm am Sonnabend, den 25. Juli, nachmittags die Hessische Post zur Hand wie sonst; den Fall von Sarajewo hatte ich bald vergessen. Dicke Überschrift! Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wirkt dieselbe. Ultimatum Österreichs an Serbien. Annahme binnen 48 Stunden bis Sonnabend, den 25 Juli, abends 6 Uhr sollte sich Serbien entscheiden, ob es das Ultimatum annehmen wolle oder nicht. Der österreichisch-ungarische Gesandte Baron Giesl war von seiner Regierung beauftragt worden, die serbische Regierung zu verständigen, daß Österreich-Ungarn sofort den Krieg erklären werde, wenn Serbien nicht innerhalb 48 Stunden den Forderungen nachkomme. Serbien lehnte ab.

Am Sonntag, den 26. Juli hielt der Kriegerverein am Bechtelsberg Scheibenschießen ab. Meine Familie und ich gingen auch hin. Ich nahm die beiden Zeitungen von Sonnabend und Sonntag mit, las etlichen Gruppen die neuesten Nachrichten vor und besprach mit ihnen die Möglichkeit eines ausbrechenden Weltbrandes. Die meisten mußten herzlich darüber lachen. Krieg, so [S. 3] was gibt’s nicht mehr! So dachten viele. Und doch sollte schon am nächsten Sonntag der erste Mobilmachungstag sein.

Der Kaiser beendete die Nordlandreise vorzeitig und kehrte nach Berlin zurück. Die Kaiserin ist von Wilhelmshöhe nach Berlin abgereist. Beides ernste Zeichen. So stand Montag, den 27. Juli in der Zeitung. Am Abend hole ich Kollege Gremmel Bahnhof Ottrau ab. Ich sage ihm: Für mich gibt es keinen Zweifel, die Mobilmachung kommt. Lehrer Gremmel hat dieselbe Meinung. Österreich hat Serbien den Krieg erklärt. Der Gesandte hat die Botschaft verlassen. Sollte Rußland zu Gunsten Serbiens gegen Österreich-Ungarn vorgehen, so ist Deutschland an seiner Seite, der Bündnisfall ist gegeben. Dem serbischen Gesandten in Wien sind die Pässe zugestellt worden. Begeisterte Kundgebungen in Wien. Auch begeisterte Kundgebungen im deutschen Reich. Man kommt zu der Erkenntnis, daß das Bündnis zwischen Deutschland und Österreich nicht auf papiernem Vertrag beruht, sondern auf dem einmütigen Fühlen der Herzen beider Völker. So weit am Montag, den 27. Juli.


  1. "Mit Gottes Hilöfe" durchgestrichen.
  2. Die Schulchronik ist nicht paginiert. Es wurde darum hier eine Paginierung angenommen, bei der der Beginn des Abschnitts zum Ersten Weltkrieg als S. 1 gezählt wird.

Empfohlene Zitierweise: „Schulchronik von Berfa, 1914-1918, Abschnitt 1: Sarajewo und die Julikrise 1914“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/153-1> (aufgerufen am 06.06.2026)