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Hessische Biografie

Portrait

Anna Elisabeth (gen. Lili) Freifrau von Türckheim
(1758–1817)

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GND-Nummer

118795333

Türckheim, Anna Elisabeth (gen. Lili) Freifrau von [ID = 2641]

* 23.6.1758 Frankfurt am Main, † 6.5.1817 Krautergersheim bei Straßburg, evangelisch-reformiert
Andere Namen | Wirken | Familie | Nachweise | Leben | Zitierweise
Andere Namen

Geburtsname:

Schönemann, Anna Elisabeth

Weitere Namen:

  • Schönemann, Lili
  • Schönemann, Lise
Wirken

Werdegang:

  • 1775 Verlobte von Johann Wolfgang Goethe;
  • seit 1778 Ehefrau des Bankiers Bernhard von Türckheim, mit dem sie in Straßburg ein beliebtes gastfreies Haus führte und zahllose kulturelle Aktivitäten unterstützte.
Familie

Vater:

Schönemann, Johann Wolfgang, 1717-1763, Bankier, Sohn des Jakob Sch. und der Maria Magdalena von der Lahr

Mutter:

Orville, Susanna Elisabeth d’, 1722-1782

Partner:

  • Türckheim, Bernhard Freiherr von (Frankfurt am Main 9.8.1778), * Straßburg 3.11.1752, † Straßburg 10.7.1831, 1770 Lehrjahre im Bankhaus Schönemann & Heyder in Frankfurt am Main, Bankier u. Kaufherr in Straßburg. 1790 Mitglied des Munizipalrats, 1792 Maire de Strasbourg, emigriert 1794/95, kauft 1800 Schloß und Herrschaft Krautergersheim, 1802-09 Mitglied des Direktoriums in Straßburg, 1809-10 Ghz. Bad. Finanzminister, dann wieder in Straßburg. Zusammen mit seinem Bruder Johann Freiherr von Türckheim und Friedrich-Rudolf Saltzmann bildete er ein elsässisches Dreigestirn im System des Freimaurers Jean-Baptiste Willermoz (1730-1824) in Lyon. 1778 wurde Bernhard „Chevalier Bienfaisant de la Cité Sainte“ (C.B.C.S.). 1782 war er am Wilhelmsbader Kongreß beteiligt. Mit seinem Bruder Johann war er auch Mitglied der „Deutschen Gesellschaft“ von Lenz.

Verwandte:

Nachweise

Quellen:

  • Institut für Personengeschichte, Bensheim: Smlg. Hélène Georger-Vogt, „Türckheim“.

Literatur:

  • Frankfurter Biographie 2, S. 325-326;
  • Frankfurter Blätter für Familiengeschichte 1908, 178f.;
  • A. Dietz, Frankfurter Handelsgeschichte, Bd. 1, 1910, S. 647-650;
  • L. v. Lehsten, Die hessischen Reichstagsgesandten 2, 2003, S. 517-530;
  • Julius Frank, Stunden mit Goethe auf der Gerbermühle und in Offenbach 1814 : Hundertjahrfeier zum 18. Oktober 1914 ; Goethe-Mosaik und Rapsodie / gekittet vom Verfasser der "Geister des Mains", Goethes Mutter auf der Flucht" u.a.m. [i.e. Julius Frank]. Offenbach a. M. 1914;
  • John Ries (Hrsg.), Die Briefe der Elise von Türkheim, gen. Schönemann, Goethes Lili. In: Frankfurter Lebensbilder Bd. 7, Frankfurt am Main 1924.
  • Jules Keller & Antoine Faivre: Le Fonds Bernard Friedrich von Türckheim. Domaine Germanique. In: Bulletin de la Faculté des lettres de l’université de Strasbourg, 1968-1969, S. 321-336.
  • Jules Keller (Hrsg.), Lili Schoenemann, Baronne de Turckheim. Lettres inédites, journal intime et extraits de papier de famille, Bern, Frankfurt am Main, New York 1987.
  • Jules Keller, Goethe, Lili et Cronenbourg, in: Dernières Nouvelles d’Alsace, 2.9.1999;
  • Dagmar von Dersdorff, Goethes erste große Liebe. Lili Schönemann, Frankfurt am Main, Leipzig 2002;
  • Ruth Istock, Goethes Lili. Elise von Türckheim, Blieskastel: Gollenstein, 2005.

Bildquelle:

Wikipedia (Datei:LiliSchoenemanGoethesVerlobteS46)

Leben

Lili Schönemann genoss in ihrer Jugend in einem wohlhabenden Bankierhaushalt eine vorzügliche Erziehung. Allerdings verlor sie bald den Vater. Die Mutter ließ 1770 das Schönemann’sche Haus Zum Liebeneck (Kornmarkt 15) in Frankfurt am Main für 40.000 fl. neu erbauen. Hier bildete sich ein bekannter Rokoko-Salon mit der ersten Gesellschaft Frankfurts und den Geschäftsfreunden des Bankhauses.

1774/1775 verkehrte auch Johann Wolfgang Goethe, der bereits durch seinen „Götz von Berlichingen“ und den „Werther“ allgemeine Bewunderung gefunden hatte, durch Vermittlung von Dorothea Delph aus Heidelberg in diesem Salon. Goethe besuchte die Familie auch auf der Gerbermühle in Offenbach am Main. Daher bestehen in Offenbach noch heute der Lili-Park und das Lili-Häuschen. An der Straßenfront des Häuschens findet sich die Tafel: „Zur Erinnerung an Goethe und Lili Schönemann, die in diesem Park im Sommer 1775 der Liebe Glück und Leid erlebten. Gestiftet von Offenbachs Bürgern und Bürgerinnen am 22. März 1932“.

Ostern 1775 verlobte sich Lili Schönemann mit Goethe. Doch standen der Verbindung äußere Umstände entgegen: Goethe nennt selbst die nicht zu harmonisierende Erwartungshaltung der jeweiligen Familien, die unterschiedliche gesellschaftliche Stellung, die unterschiedliche Konfession, die Bedenken der Freunde. Die Auflösung der Verlobung im Oktober 1775 erfolgte vermutlich vor allem aus inneren Hemmungen Goethes, eine Ehe einzugehen. Er zog zunächst seine künstlerische Entwicklung in Weimar einem Dasein als Anwalt und Familienvorstand in Frankfurt am Main vor. Goethe bezeichnete die Hinderungsgründe im Alter als „nicht unüberwindbar“ und bekannte sich in „Dichtung und Wahrheit“ zu Lili Schönemann als seiner „ersten und einzigen wahrhaften Liebe“. Für sie schrieb er die „Lili-Lieder“, Wesenszüge von Lili finden sich in „Stella“, „Iphigenie“, „Claudine von Villa Benda“ und „Erwin und Elmire“.

Eine weitere Verlobung mit dem elsässischen Hüttenbesitzer Johann Friedrich Bernard scheiterte 1776, weil dieser sein Hüttenwerk als ruiniert entdeckte, angeblich nach Jamaika flüchtete und dort den Tod fand. Bernard war als Sohn des Johann Christoph Bernard und der Helena du Fay ein Neffe der Offenbacher Tabackfabrikanten Bernard im Freundeskreis der Schönemanns.

Der Straßburger Bankier Bernhard Freiherr von Türckheim hatte seine Lehrjahre im Frankfurter Bankhaus Schönemann verbracht und dabei eine tiefe Neigung für Lili gefasst. Aus Rücksicht auf die gesellschaftlichen Umstände, den Aufbau seines Bankgeschäfts und die persönliche Lebensgeschichte Lilis trug er seine Werbung aber erst nach der zweiten gescheiterten Verlobung vor. 1778 heiratete Lili den Bankier Bernhard von Türckheim in Frankfurt am Main. Aus der Ehe gingen fünf Kinder und eine bis heute bedeutende Nachkommenschaft hervor.

Den Zusammenbruch des Bankhauses Schönemann 1784 erlebte Lili in Straßburg, wo sie ein gastfreies Haus führte: Franz Heinrich Redslob (Erzieher der Kinder Türckheim), der Prediger Hafner, der Arzt Reiseissen, der Historiker Koch, der Bildhauer Ohnmacht, der Maler Guérin waren hier häufige Gäste. Bernhard von Türckheim und seine Bruder Johann waren zudem das Zentrum der Freimaurerei im Elsaß.

1794 flüchtete die Familie während des „Terreurs“ nach Erlangen und für wenige Wochen nach Frankfurt. In den Jahren bis 1800 gelang es Bernhard Freiherr von Türckheim nur unter Entbehrungen das Vermögen und die Geschäfte wieder herzustellen.

1800 verheiratete Lili ihre älteste Tochter und Türckheim konnte das elsässische Landgut Krautergersheim bei Straßburg erwerben, wo Lili 1817 starb. „In den folgenden Lebensjahren unterbrechen nur wenige Ereignisse den ruhigen Verlauf ihres nunmehr behaglichen und glücklichen Daseins, das neben der Pflege eines geistig angeregten Verkehrs ganz der Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, vor allem der weiteren Leitung ihrer Kinder und der Sorge für ihr Wohlergehen gewidmet bleibt.“1

Lupold von Lehsten


  1. Ries, 1924, 30.
Zitierweise
„Türckheim, Anna Elisabeth (gen. Lili) Freifrau von“, in: Hessische Biografie <http://www.lagis-hessen.de/pnd/118795333> (Stand: 6.5.2017)
 
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