Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 13: Wanderung über den Westerwald nach Koblenz

[98-99] Wie schon in Biedenkopf, pflegte ich auch in Dillenburg in der großen Form eine mehrtägige Wanderung zu unternehmen. In den Sommerferien 1912 hatten wir zu diesem Zweck eine kleine Gesellschaft zusammengebracht, bestehend aus den Kollegen Grävenstein, Fink, Metz, Meckel und mir. An einem schönen klaren Sommermorgen wanderten wir 5 durch das Mittelfeld hinauf und über die Bratsche nach Donsbach1 und weiter nach Breitscheid2. Von hier führte der Weg noch immer bergauf am Heisterberger Weiher3 vorbei bis nach Rehe4. Am dortigen Bahnhof lagerten wir uns auf einer abgemähten Wiese und kochten im Aluminiumapparat unsere Mittagssuppe, die uns nach dem langen Marsch vortrefflich schmeckte. Nur Fink ging in das Dorf, wo gerade Kirmes war und bekam auch dort eine gute Suppe. Nun vertrauten wir uns für kurze Zeit der Westerwaldbahn an und erreichten bald die Höhe des Westerwalds bei Höhn5. Hier verließen wir die Bahn, um noch eine Strecke auf der freien Höhe zu marschieren. Als wir in die Nähe Wölferlingens6 kamen, da wurde Grävenstein, der wahrscheinlich irgendwo kaltes Wasser getrunken hatte, darmkrank und kroch alle 10 Minuten hinter einen Busch. Das wirkte natürlich störend und ließ uns schon den Gedanken erwägen, die Tour vorzeitig abzubrechen. Doch wider Erwarten besserte sich der Zustand des Patienten und nachdem wir auf [S. 99] einem freien Platz vor Wölferlingen einen Kakao gebraut und getrunken hatten, gelangten wir am späten Nachmittag ohne Zwischenfall nach Freilingen7, wo unsere erste Nachtstation sein sollte. Während wir nach einem guten Nachtessen im Gasthof zur Post bei einem Glas Bier saßen, musste Grävenstein eine Zimmtsuppe schlucken, die ihn auch wieder vollständig kurierte. Meckel und ich, die beiden jüngsten, wurden von dem Gasthofbesitzer, der nicht Raum genug für alle 5 hatte, in ein Nachbarhaus einquartiert, und als ich am andern Morgen den Hausherrn aufsuchte, um ihm für seine gastliche Aufnahme zu danken, stellte sich heraus, dass wir bei dem Vater meines Klassenbruders Heun zu Gast gewesen waren, was beide Teile erfreute. Von Freilingen aus nahmen wir uns am Morgen ein Wägelchen und fuhren durch das liebliche Sayntälchen nach Selters8. Dort bestiegen wir wieder die Bahn, um über Siershahn9 nach Grenzhausen10 zu fahren. Höhr11 und Grenzhausen sind der Mittelpunkt des Kannenbäckerlandes, und Fink, der früher hier Lehrer gewesen war und noch Beziehungen hatte, verhalf uns zu einer Besichtigung einer Kunsttöpferei der Firma Meckelbach und Wick12, wo wir dann die Entstehung der keramischen Kunstwerke vom Tonklumpen bis zum fertigen Produkt verfolgen konnten, auch nicht versäumten, einige Kleinigkeiten im Magazin als Andenken zu kaufen und nachhause zu schicken. Nach einer kurzen Fahrt mit dem Kleinbähnchen bis Hillscheid13 fassten wir wieder den Wanderstab, um in südlicher Richtung über Kloster Ahrenberg14 Koblenz zu erreichen. Der Weg führte quer durch die tief eingeschnittenen Endtäler der Rheinzuflüsse, also dauernd bergab und bergauf. Im ersten Tälchen, an dem Löhrbach machten wir Mittagspause, um den Magen, der allmählich rebellierte, zu befriedigen. Eine steife Erbsensuppe mit hineingeschnittener Leberwurst brachte das auch fertig. Ja, als Meckel auf einmal in einer naheliegenden Mühle verschwand und mit einem großen Topf Dickmilch wieder erschien, da glaubten wir ein Festessen zu haben und labten uns so, dass wir fast des Guten etwas zu viel getan hätten. Wenigstens wurde uns nach dem Essen der Aufstieg an der jenseitigen steilen Talwand recht sauer. Und die Erinnerungen an das Festmahl im Löhrbachtal machten sich bei den meisten noch geltend als wir bereits in Ahrenberg angelangt waren., wodurch die Besichtigung der interessanten Mosaikkirche15 und der sonstigen religiösen Sehenswürdigkeiten auf dem „roten Hahn“16 einigermaßen beeinträchtigt wurde. Mit der Straßenbahn fuhren wir dann durch Ehrenbreitstein17 hinunter über den grünen Rhein und das Hotel zum Karpfen18 nahm uns bald darauf gastlich auf. Nachdem wir unserem äußeren Menschen etwas aufgefrischt und die Füße in die bequemen Sandalen gesteckt hatten, wurde noch ein kleiner Bummel an das deutsche Eck19 gemacht, wo im Mündungswinkel der Mosel uns des Rheins das stolze Kaiserdenkmal steht, und dann leisteten wir uns ein handfestes Nachtessen und einige Schoppen Franziskanerbräu, worauf wir frühzeitig zur Ruhe gingen, um frühzeitig wieder zum Weiterwandern bereit zu sein. Es war noch recht früh als wir aufbrachen, aber doch nicht früh genug, dass wir uns noch den interessanten Koblenzer Kirschenmarkt hätten ansehen können, der am frühesten Morgen unheimliche Mengen Kirschen im Großhandel umsetzt.


  1. Donsbach, heute Stadtteil von Dillenburg.
  2. Breitscheid, westlich Dillenburg, Lahn-Dill-Kreis.
  3. Heisterberger Weiher, kleiner See bei Heisterberg, Lahn-Dill-Kreis.
  4. Rehe, Ort östlich Rennerod, Westerwaldkreis, Rheinland-Pfalz.
  5. Höhn, Gemeinde im Westerwaldkreis, Rheinland-Pfalz.
  6. Wölferlingen, Gemeinde im Westerwaldkreis, Rheinland-Pfalz.
  7. Freilingen, Gemeinde in der Verbandsgemeinde Selters, Westerwaldkreis, Rheinland-Pfalz.
  8. Selters, Westerwaldkreis, Rheinland-Pfalz.
  9. Siershahn, Verbandsgemeinde Wirges, Westerwaldkreis
  10. Heute Teil von Höhr-Grenzhausen, Westerwaldkreis.
  11. Heute Teil von Höhr-Grenzhausen, Westerwaldkreis.
  12. Merkelbach & Wick, vor dem Ersten Weltkrieg bedeutende Keramikfirma in Höhr-Grenzhausen.
  13. Hillscheid, Ort südlich Höhr-Grenzhausen.
  14. Arenberg, heute rechtsrheinischer Stadtteil von Koblenz.
  15. Die Katholische Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Nikolaus in Arenberg
  16. Der "Rote Hahn" war eine Raststation und Gaststätte in Arenberg, nach der zeitweilig der ganze Ort benannt wurde.
  17. Ehrenbreitstein, Festung und Ort auf der rechten Rheinseite gegenüber von Koblenz, heute Stadtteil.
  18. Hotel Zum Karpfen, früher Hotel in Koblenz, Kastorhof 1, in unmittelbarer Nähe der St. Kastorkirche.
  19. Denkmal mit Standbild Kaiser Wilhelms I. auf der Landzunge an der Mündung der Mosel in den Rhein.

Recommended Citation: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 31: Wanderung über den Westerwald nach Koblenz“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-13> (aufgerufen am 07.05.2026)