Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 14: Abschnitt 14

[23-24] Montag, den 31. August, fuhr ich per Bahn nach Helsa (26 km von Cassel entfernt), wo etwa 40 Metzer untergebracht waren. Die ruhigen Dorfbewohner konnten sich kaum an das nicht immer erbauliche Benehmen der Stadtjugend gewöhnen. Mit einem gewissen Schaudern erzählten mir die Einheimischen von den Streichen der Metzer Jungen, die zum weitaus größten Teil zu meinen Schülern gehörten. Nun, ich kannte sie zur Genüge.

Helsa liegt mit seinen 1200 Einwohnern wunderschön in einem schmalen, herrlichen Tal zwischen bewaldeten Hügeln. Schmuck: Fachwerkhäuser, peinlich saubere Straßen, freundliche Gesichter der Einwohner, die alle den Hut vor mir lüfteten, obwohl keine Katholiken hier zu finden sind, höfliche Schulkinder, die mir ausnahmslos ihr „Guten Tag" zuriefen. — Das niedliche Dorf drückte meinem Gedächtnis den denkbar günstigsten Eindruck auf.

Mit dem Brevier in der Hand wanderte ich längst des Baches dahin und näherte mich nach anderthalb Stunden Oberkaufungen. Schon zur Zeit Karls des Großen kannte man diesen Ort. Die Stiftskirche ist 1000 Jahre alt. Um das Jahr 800 wurde hier ein Kloster zu Ehren der Mutter Gottes erbaut, das wohl 932 den Plünderungen der Ungarn zum Opfer fiel. Die Kaiserin Kunigunde besah in Oberkaufungen ein herrliches Schloß.

Kunigunde war die Tochter des Grafen Siegfried von Luxemburg, deren Familiengüter in den Ardennen, in der Saargegend sowie längst der Mosel von Diedenhofen bis zum Rhein lagen. Herzog Heinrich von Bayern, der spätere Kaiser Heinrich II. führte Kunigunde 998 als Gemahlin heim. Die Ehe blieb kinderlos. Deutschlands Kirchen, Spitäler und Armenhäuser fanden in der erlauchten Frau eine große Wohltäterin. 1017 genaß Kunigunde von einer schweren Krankheit. Aus Dankbarkeit stiftete sie in Kaufungen ein Kloster, dessen Kirche am 13. Juli 1025 eingeweiht wurde. Die Kaiserin hatte ihre weltlichen Angelegenheiten durch Verwandte und den Bischof Theodorich von Metz regeln lassen. In [S. 24] prachtvollen Gewändern wohnte sie am Tage der Konsekration dem Hochamt bei. Nach dem Evangelinm trat sie zum Altar, legte Krone und Purpurmantel ab, ließ sich die Haare schneiden und legte Nonnenkleider an. Fünfzehn Jahre lebte sie hier in stiller Einsamkeit, bis der Tod sie am 3. März 1039 ins Jenseits abrief. Im Jahre 1200 wurde Kunigunde in die Zahl der Heiligen aufgenommen. Die Protestanten hoben 1531 das Kloster auf.

Von Oberkaufungen trugen mich meine müden Beine nach Niederkaufungen (1400 Einwohner). Abends spät nahm ich beim Bahnhof das Abendessen ein. Freundliche Wirtshausbesucher erzählten mir interessante Einzelheiten über die Geschichte der Umgegend. Der Zug brachte mich gegen zehn Uhr wieder nach Cassel.


Recommended Citation: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 14: Abschnitt 14“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/99-14> (aufgerufen am 08.05.2026)