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Hessian World War I Primary Sources

↑ Johannes Struckmann, Mobilmachung und erste Kriegswochen des Thüringischen Ulanen-Regiments Nr. 6 aus Hanau

Abschnitt 14: Abschnitt 14

[67-68] Inzwischen hatte die energische Nah- und Fernaufklärung von Arlon aus ihren Fortgang genommen. Am 16. August ritten die Patrouillen des Leutn. Schimmelfennig der 4. Esk. über Virton auf Ecuriez, des Leutn. Spaeter der 4. Esk. über Habergy auf Musson und des Leutn. Prinz Friedrich Wilhelm von Hessen (am 3. 9. 1914 beim Fußgefecht des Regiments bei Laval durch Brustschuß schwer verwundet; am 12. 9. 1916 beim nächtlichen Sturmangriff des Regiments auf eine rumänische Stellung bei Euru Orman in der Dobrudscha an der Spitze feines Schützenzuges den Heldentod gestorben) mit Unteroff. Conrad und 8 Reitern der 3. Esk- auf Longwy. Letztere Patrouille geriet am 17. 8. bei Aubange in eine schwierige Lage, aus der sie nur durch das energische und zielbewußte Verhalten ihres Führers, des Prinzen von Hessen, und durch die reiterliche Kühnheit und Gewandtheit der Ulanen sich befreite. Einer der hierbei verwundeten Teilnehmer, Lessen Name sich leider nicht feststellen ließ, berichtet darüber:

„Am 16. August wurden wir gegen mittag von Arlon in der Richtung Longwy zur Sicherung der nach Arlon vorgeschobenen Brigade vorgeschickt; auch sollten wir feststellen, ob Longwy von feindlichen Truppen besetzt sei. Gegen abend erhalten wir bei Mont St. Martin von einer Bande Franktireurs Feuer, das uns aber keinen Schaden zufügte. Dafür mußten zwei Kerle durch wohlgezielte Schüsse eines Unteroffiziers, der schnell abgesessen war, ins Gras beißen. Wir nächtiget» dann in einem Kloster bei Messancy, wo wir freundlich aufgenommen wurden. Am 17. früh ging es in der Dunkelheit wieder gegen Longwy vor. Westlich Aubange ließ unser Leutnant halten und ging mit einigen Leuten zu Fuß vor, um das vor uns liegende Waldstück -abzusuchen. Als wir zwischen 7 und 8 Uhr zu den Handpferden zurückgingen, bekamen wir beim Auffitzen von allen Seiten heftiges Jnfanteriefeuer aus nächster Nähe. Ulan Georges war etwas zurückgeblieben und kam nicht mehr an sein Pferd heran. Er muhte seine Verspätung mit dem Leben büßen. Er war einer der Besten und Beliebtesten der Schwadron. Gefreiter Höhn fiel schwer verwundet in französische Gefangenschaft. Er wurde später in Longwy befreit. Ulan Georges starb am nächsten Tage an feiner schweren Verwundung im -französischen Lazarett in Longwy. Höhn hat ihn nicht mehr gesehen; die Franzosen haben ihm aber erzählt, daß ein Regimentskamerad gestorben sei. Da wir nicht über das freie Feld zurückveiten konnten, blieb uns nichts anderes übrig, als gegen eine 1)4 Meter hohe und 2 Meter breite Hecke zu reiten. Trotzdem mancher von uns im Winter nur bei der „Hurraabteilung" mitgeritten hatte, unsere Pferde sin solches Hindernis auch noch nicht genommen hatten, ging's wie der Teufel gegen das Hemmnis. Kein Pferd stutzte. Das Herz des Reiters muß nur hinüber wollen. Uns kam aber auch zugute, daß unser Leutnant auf feinem schon in Springkonkurrenzen siegreichen Pferde mit kalter Überlegung und Entschlossenheit uns den Weg zeigte. Auf der anderen Seite der Hecke war aber die Landungsstelle zwei Meter tiefer als die Absprungsftelle, so daß wir alle, bis auf einen, zu Fall [S. 68] kamen. Zwei Ulanen wurden beim Sturz verletzt, zwei weiteren tiefen die Pferde weg. Wir anderen kamen wieder auf die Pferde und kamen eben noch über einen Eisenbahnübergang, als uns die Franzosen daselbst gerade den Rückweg abschneiden wollten. Von den beiden von ihren Pferden im Stich gelassenen Ulanen ging der eine, Ulan Röhl, über den Eisenbahndamm zurück. Acht Franzosen liefen hinter ihm her und waren bis auf zehn Schritt an ihn herangekommen, als er sich herumdrehte und in aller Ruhe zwei davon niederschoh, worauf die anderen sechs schleunigst ausrissen. Der andere Ulan hatte sich unter einem Strauch versteckt und sah, wie später von Longwy noch eine Kürassierschwadron bis Aubange vorkam, dann aber mit der Infanterie, etwa eine Kompagnie, sich wieder nach der Festung zurückzog. Er requirierte sich dann mit Hilfe seines Karabiners, den wir immer über der Schulter trugen, einen Wagen und ließ sich nach Arlon zurückfahren. Beim Galoppieren über die Bahn wurde ich noch mit zwei anderen Kameraden verwundet. Jetzt sind wir aber durch die gute Pflege, die uns sowohl in Belgien wie ganz besonders aber in unseren deutschen Krankenhäusern zuteil geworden ist, soweit, daß wir bald zur Schwadron zurückkönnen.

Als Ergebnis unserer Aufklärung konnten wir melden, daß Longwy besetzt sei, daß aber die dortigen Truppen anscheinend gar keine Anstalten machen wollen, uns in Arlon zu belästigen. Als am Abend eine neue Patrouille vorgeschickt wurde, meldeten sich alle Ulanen von der Patrouille, die mit heiler Haut davongekommen waren. Einstimmig waren wir der Ansicht, daß von einer französischen Patrouille, die unserer Infanterie so in die Finger gekommen wäre, keiner seine Schwadron wiedergesehen hätte."


Persons: Struckmann, Johannes
Keywords: Thüringisches Ulanen-Regiment Nr. 6 · Ulanen-Regiment Nr. 6
Recommended Citation: „Johannes Struckmann, Mobilmachung und erste Kriegswochen des Thüringischen Ulanen-Regiments Nr. 6 aus Hanau, Abschnitt 14: Abschnitt 14“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/91-14> (aufgerufen am 05.05.2026)