Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Das Große Hauptquartier in Konskie, Hindenburg
- Brief Otto Merkels an seine Familie aus Konskie
- Unterkunft im Dorf Jakimowice
- Station im Städtchen Wloszcowa
- Quartier im Dorf Druzykowa
- Jüdische Bewohner im Städtchen Pilica
- Schwierigkeiten wegen Druck eines Feldpostbriefes
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 47: Station im Städtchen Wloszcowa
◀ [131] Es war Freitag den 30. Okt. Einem von den Radfahrern, ich glaube, es war Heßler, war nicht wohl, saß auf dem Bagagewagen und hielt des Feldwebels Rußki, das war ein kleiner schwarzer Kläffer von Hund undefinierbarer Rasse, der schon in Wolbrom aufgegriffen worden war und bis jetzt Freud und Leid mit uns geteilte hatte. Ich übernahm für Heßler das Rad und wurde für diesen Tag zum Quartiermacher ernannt. Doch meine Sendung mißlang glänzend. Erstens waren die Wege gerade heute so abscheulich, dass von einem Gebrauch des Rades kein Gedanke war. Die Erleichterung, die ich durch die Abgabe des Tornisters hatte, wurde durch das Schieben des Rades reichlich aufgewogen. Da der Marsch zwar nicht sehr lang war, doch an Grundlosigkeit des Weges alles vorgewesenes überbot.
Nach furchtbaren Strapazen kamen wir am Abend in einem kleinen Dörfchen bei Oleszec(?) an. Hier wohnte ich wieder in einer Judenkeusche und wenn schon die übrigen Polen nicht sehr sauber sind, so sind es die Juden ganz und gar nicht. So sagten wir auch diesem Quartier leichten Herzens valet, dazu kam, dass die Russen uns auf den Fersen waren, denn man hörte nicht nur ständig das Kanonenfeuer, zudem auch ab und zu Kleingewehr – und Maschinengewehrfeuer. Erst das letzte Stück des Weges war für Räder fahrbar und so machten wir uns dann endlich in den Sattel und bekamen einen Vorsprung vor dem Bataillon.
Wir kamen bald in das Städtchen Wloszcowa. Doch das Pflaster war wie üblich, derart löcherisch, dass man nicht fahren konnte. Ich sprang also ab – und lag am Boden. Ich war gerade in ein Loch im Pflaster gesprungen und war mit dem Fuß umgeknickt, sodass ich mir den Fuß verstaucht hatte. Ich schleppte mich noch bis zur nächsten Schule, die ich für unsere Korporalschaft und den Feldwebel mit seinem Stab mit Beschlag belegte, und legte mich auf den Boden und kühlte meinen Fuß. Als er nicht besser wurde, ließ ich mir den Sanitätsunteroffizier Spriestersbach(?) holen, der den Fuß untersuchte und in eine Binde brachte.
Vorn im Schulsaal hing eine polnische Wandkarte vom Gouvernement Radom (Radomsko?), in dem wir uns befanden. Ich nahm sie als Kriegstrophäe an mich, habe sie jedoch leider im Lazarett später entwendet bekommen. In Wlonbowa sah ich sonst nichts, da ich nicht auf den Fuß treten konnte, und die nächsten 3 Tagestouren habe ich wieder auf dem Bagagewagen zubringen müssen, was bei dem einsetzenden kalten Wetter kein Vergnügen war. ▶
| Recommended Citation: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 47: Station im Städtchen Wloszcowa“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-47> (aufgerufen am 04.05.2026) |
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