Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Fahrt an die Ostgrenze
- Weiterfahrt durch Russisch-Polen
- Erstes Quartier in Miechów
- Unterkunft in Wodzislaw, Vorgehen gegen Pferdedieb
- Marsch nach Andrejew, Biergelage in einer Brauerei
- Versorgung der Truppe, Beschaffung von Petroleum
- Vorrücken bis zum Bahnhof Checiny
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 37: Unterkunft in Wodzislaw, Vorgehen gegen Pferdedieb
◀ [121-122] Ich wurde in Wodzislaw mit dem Feldwebel bei einem reichen Juden einquartiert. Der Feldwebel bekam ein Bett und mir wurde ein Lager im Vorderzimmer auf einem Sofa zurechtgemacht. Ein dampfendes Glas Tee wurde mir kredenzt und wir unterhielten uns mit dem jüdischen Ehepaar. Er war ein würdiger Greis und sie war wesentlich jünger. Sie schien nicht ungebildet, war viel gereist und auch in Deutschland gewesen., sogar in Frankfurt. Sie äußerte im Gespräch ihre Verwunderung darüber, dass die deutschen Juden so lässig in der Sabbatheiligung seien. Ich habe allerdings konstatieren können, dass in Polen nicht nur die Juden sondern auch die Christen in religiösen Dingen sehr gewissenhaft waren.
Als wir uns schon zur Ruhe gelegt hatten, gab es noch einen Zwischenfall. Ich überlegte gerade, dass diese Quartierleute eigentlich uns großes Vertrauen entgegenbrächten, denn neben mir stand im Schrank, durch dessen Glasscheiben man eine Menge Silbergegenstände sehen konnte, da klopfte es heftig ans Fenster meines Zimmers, das zu gleicher Erde lag. Als ich aufstand und das Fenster öffnete, nicht ohne das Gewehr zur Hand zu haben, stand einer unserer Posten vor mir und verlangte den Feldwebel zu sprechen. Ich sagte [S. 122] diesem Bescheid und nun hörten wir, dass eine Untersuchung angestellt werden müsste.
Ein Polenmädchen sollte verraten haben, dass eine große Anzahl Kosakenpferde im Städtchen untergebracht sei, sodass man einen nächtlichen Überfall befürchtete. Der Feldwebel begab sich mit dem Posten weg und ließ mich zur Bewachung des Gepäcks und der Akten zurück. Als er nach langer Zeit wieder kam, erzählte er, dass sich nichts Genaues habe feststellen lassen; doch sei gerade unser Hauswirt stark verdächtigt worden. Er war nun genötigt, diesen aus dem Bett zu trommeln und einem scharfen Verhör zu unterwerfen, was mir für den alten Hebräer leid tat. Er beteuerte dann auch dauernd, von nichts zu wissen und nur drei eigene Pferde zu besitzen, die keine Reitpferde seien. So musste man ihn schließlich loslassen.
Am andern Morgen aber gab es trotzdem eine Überraschung. Unsere Bagagefuhrleute hatten im Pferdestall bei den Pferden geschlafen und dennoch fehlten am Morgen 2 Pferde mit dem Geschirr, die sozusagen über die schlafenden Fuhrleute weg aus dem Stall gestohlen worden waren. Der Bataillonsadjudant rückte kurz entschlossen dem Ortsvorsteher auf die Bude, belegte die Gemeindekasse mit Beschlag und erklärte dem Dorfoberhaupt, dass die Gemeindekasse mitgenommen würde und noch manches andere dazu, wenn nicht binnen 2 Stunden der Spitzbube mit den Pferden sich melde. Und wirklich hatten wir nach 2 Stunden nicht nur die Pferde wieder, sondern auch den Pferdedieb und der Ortsvorsteher schien sehr stark bei der Sache beteiligt zu sein. Da der größte Teil des Bataillons schon abgerückt war, mussten die beiden Übeltäter mitmarschieren bis zur nächsten Quartierstadt. Dort wurde ein Gericht über sie gehalten, jeder bekam eine erkleckliche Anzahl Hiebe auf die Kehrseite – der lange Krämer aus Haiger teilte sie aus – und im schärfsten Galopp liefen beide als sie losgelassen wurden, nachhause. ▶
| Recommended Citation: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 37: Unterkunft in Wodzislaw, Vorgehen gegen Pferdedieb“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-37> (aufgerufen am 05.05.2026) |
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