Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Reise durch Südbelgien und Luxemburg
- Attentat von Sarajewo und drohende Mobilmachung
- Mobilmachung, Bahnwachdienst bei Haiger
- Bahnwachdienst bei Haiger, Furcht vor Spionen
- Bahnwachdienst bei Wetzlar, Abrücken zum Frontdienst
- Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)
- Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 29: Bahnwachdienst bei Haiger, Furcht vor Spionen
◀ [113-114] So blieben wir etwa acht Tage in Haiger1 und sahen die endlosen Transportzüge vorbeilaufen: Infanterie, Artillerie, Kavallerie u. technische Truppen aller Art. An jeder Station war ein Versorgungsdienst eingerichtet, der die Soldaten mit Nahrungsmitteln: Brot, Kaffee, Tee, sowie Zigarren und Zigaretten versah. Alles das wurde von Stadt und Land in Wagenladungen herbeigebracht und zwar in solchen Mengen, dass die Soldaten nicht alles bewältigten, sondern dass man nachher die Butterbrote geringerer Qualität körbeweise zwischen den Schienen auflesen konnte. Damals ahnte man [S. 114] noch nicht, wie rar die Brote noch einmal bei uns werden würden.
Die Spionenfurcht dauerte noch immer. Eines Tages wurde berichtet, dass 2 Französisch sprechende Radfahrer durch Haiger gefahren seien. Alles was nicht Posten stand, nahm die Waffe zur Hand, um die Bösewichter zu verfolgen, doch fanden wir nichts. Am andern Tag wurde der Verlust einer Kiste Dynamit gemeldet und der vermeintliche Dieb war an dem Sechsheldener Einschnitt unweit vor der großen Straßenbrücke angeblich gesehen worden. Für die Nacht wurde nun aus halbwüchsigen Burschen eine Sicherheitswehr gebildet, die alle 50 m. einen Posten an der Bahnstrecke entlang stellten mit Jagdgewehren, Revolvern und anderen Schießwaffen zum Teil recht abenteuerlicher Art.
Da ich wußte, dass am Tage vorher ein Gymnasiast in Dillenburg auf den sich bewegenden Signalarm der Bahn geschossen hatte, trat ich in dieser Nacht meine Patroulliengänge nicht gerade sehr ruhig an. Die Gefahr, von einem nervösen Realschüler angeschossen zu werden, war tatsächlich nicht gering.
Der Wagenmeister Lendolf war der Organisator dieser Bürgerwehr. Auch die Züge wurden gründlich nach Spionen durchsucht. So räumte Lucas einmal einen ganzen Wagen voll Italiener aus, ließ sie vor dem Bahnhof antreten und ihr ganzes Gepäck revidieren. Der Umstand, dass sich Italien nicht von vornherein zum 3 – Bund bekannt hatte, erfüllte mit Misstrauen gegen die Italiener. ▶
- Stadt im nördlichen Lahn-Dill-Kreis ↑
| Recommended Citation: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 29: Bahnwachdienst bei Haiger, Furcht vor Spionen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-29> (aufgerufen am 06.05.2026) |
|---|
