Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Reise nach Belgien, Sommer 1914
- Reise nach Belgien, Besichtigung in Waterloo
- Reise nach Belgien, Antwerpen und Ostende
- Reise durch Südbelgien und Luxemburg
- Attentat von Sarajewo und drohende Mobilmachung
- Mobilmachung, Bahnwachdienst bei Haiger
- Bahnwachdienst bei Haiger, Furcht vor Spionen
- ...
- Vorrücken über die Warthe
Illustrations
Werbezettel des "Hotel de la Gare" im belgischen Dinant, in den Otto Merkel und seine Mitreisenden einkehrten.
Der kleine Erinnerungszettel des Schuhputzers in Dinant
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 26: Reise durch Südbelgien und Luxemburg
◀ [110-112] Die 4. Tagestour ging durch Südbelgien über Controi (?)1, Mons2 nach Namur3. Hier hatten wir so lange Aufenthalt, dass es zu einem Gang durch die Stadt langte. Von der Anhöhe über der Stadt winkte die Citadelle herunter; hier sahen wir auch belgische Pioniere bei einer Übung im Brückenschlagen. Die schlappe, disziplinlose Haltung der Truppe, die mit Cigaretten im Mund [S. 111] mit dem Vorgesetzten redeten, stieß uns ab, doch die Methode der Arbeit war praktisch. Im Nu hatten kleine Abteilungen aus Öltonnen eine Brücke über die ganze Maas geschlagen. Maasaufwärts fuhren wir dann noch bis zu dem romantischen Städtchen Dinant4. Hier waren wir im Mittelpunkt der wallonischen Zone Belgiens. Waren wir in Nordbelgien mit der deutschen Sprache immer gut ausgekommen, so hörte es hier auf. Wenn auch die Verkehrsbeamten der Vorschrift nach in Belgien überall deutsch sprechen können mussten, so bekam man doch auf eine deutsche Frage selten eine Antwort, sodaß wir notgedrungen unser französisches Säckchen öffnen mussten. Da wir auf der Straße in unserer Wandererausrüstung, die in Belgien ungewöhnlich war, unschwer als Deutsche erkannt wurden, so wurde uns oft genug von der Jugend „Sale Prussien“ (schmutziger Preuße!) nachgerufen. Auch im Gasthof konnten wir leicht feststellen, dass wir schlechter bedient wurden, aber besser bezahlen mussten als die Einheimischen. Als besonderes Plus fand ich am anderen Morgen in meinem Schuh den Zettel des Schuhwischers: „n`onbliez pas le cireur!“ (vergessen sie den Schuhputzer nicht!). Diesen Zettel habe ich noch. Trotz der trüben Erfahrungen, die wir hier machten, schliefen wir gut und reisten anderen Tages weiter nach Süden, um auch Luxemburg noch einmal zu besuchen. Minor fuhr hier durch, um in Metz eine militärische Angelegenheit zu erledigen. Mey und ich besichtigten gemeinsam die Hauptstadt des kleinen Großherzogtums. Ich führte Mey, ohne dass er es natürlich wußte an alle die Plätze, wo ich 14 Jahre früher geweilt hatte, und wehmütige Erinnerungen stiegen in mir auf, namentlich als ich an der Straße unversehens stand, wo ich mir die ersten Sous durch Schwerarbeit verdient hatte. Jetzt fuhren die Bahnzüge über die Stellen. Noch zeigte ich Mey die berühmte Passerelle, d.i. die große Talbrücke, die die beiden Stadtteile Luxemburgs verbindet, sowie das charakteristische Luxemburger-Denkmal mit der Inschrift in Luxemburger Platt: „Wir wollen bleiben, was wir sind, wir wollen keine Preußen hier.“ Dann trennten wir uns, Mey fuhr nachhause. Ich selbst aber suchte noch einmal die Luxemburger Schweiz auf mit dem Dörfchen Michelau5 (?), wo ich den Bahnhof hatte umbauen helfen. Mein erster Gang war nach dem Hause der Familie Majerns(?). Ich traf nur die beiden Frauen zu hause, doch aus der jungen Frau war eine alte Frau geworden, und aus der Großmutter eine Greisin, die kaum wieder zu erkennen war. Nachdem ich mich zu erkennen gegeben hatte, entsannen sich beide meiner und freuten sich ehrlich, mich noch einmal zu sehen. Leider konnte ich ihrer Einladung, noch zu bleiben, nicht folgen, denn meine Zeit war knapp. Nach einem wehmütigen Gruß nach der Bourscheider Ruine6 hinauf trug mich die Bahn der Grenze zu, und in Wasserbillig7 überschritt ich dieselbe nun zum dritten mal, [S. 112] jedoch mit ganz anderen Gefühlen als vor 14 Jahren. Nach der Heimkehr gab es für den Rest der Ferien mit dem Einrichten der neuen Wohnung noch genug zu tun. Und als dies fertig war, musste ich sie doch verlassen, da der Krieg ausbrach. Weil derselbe tief in mein Leben eingegriffen hat, sei auch ihm ein besonderes Kapitel geweiht. ▶
- Kortrijk, Stadt in der Provinz Westflandern. ↑
- Hauptstadt der wallonischen Provinz Hennegau. ↑
- Hauptstadt der wallnischen Provinz Namur. ↑
- Stadt in der wallonischen Provinz Namur. ↑
- Ortsteil der Gemeinde Bourscheid, Großherzogtum Luxemburg. ↑
- Burg über dem gleichnamigen Ort Bourscheid, Großherzogtum Luxemburg. ↑
- Luxemburgische Ortschaft an der Grenze zu Deutschland. ↑
| Recommended Citation: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 26: Reise durch Südbelgien und Luxemburg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-26> (aufgerufen am 06.05.2026) |
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