Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Wanderung von Amorbach durch den Odenwald
- Fahrt durch den Odenwald und Rückfahrt nach Dillenburg
- Bezug des eigenen Hauses in Dillenburg, Sommer 1914
- Reise nach Belgien, Sommer 1914
- Reise nach Belgien, Besichtigung in Waterloo
- Reise nach Belgien, Antwerpen und Ostende
- Reise durch Südbelgien und Luxemburg
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 23: Reise nach Belgien, Sommer 1914
◀ [108-109] [S. 108] Nach dem Umzug hatte ich doppelt das Bedürfnis einmal wieder ein paar Tage auszuspannen. Meine alten Wandergenossen konnte ich leider diesmal nicht zu einer Wochentour bewegen. Ich weiß nicht mehr, ob wir nur über das Reiseziel nicht einig werden konnten, oder ob sie in diesem Jahr überhaupt keine Lust hatten. Ich hatte deshalb mit zwei anderen Herren, dem Postverwalter Mey von Strassellenbach1 und dem Seminarlehrer Minor von Dillenburg einen Plan entworfen zu einer 5-Tagereise nach Belgien. Damals gab es für die belgische Eisenbahn sog. Abonnementskarten für verschiedene Dauer, die während der betreffenden Zeit eine unbeschränkte Benutzung der Züge in ganz Belgien gestattete. Wir wollten eine 5-Tagekarte nehmen, die nur 19 Francs kostete.
Wir verabredeten unser Zusammentreffen in Köln an einem bestimmten Tage, da ich vorher bei dieser Gelegenheit meinen Bruder Gustav [S. 109] in Köln einen Besuch abstatten wollte. In Köln war damals die Marktbudenausstellung2, die nachher so schmählich durch den Krieg beendet wurde. Ich besuchte sie auch und bewunderte noch die neuen verschiedene Flugzeugmodelle, die ausgestellt waren, ohne zu ahnen, welche verderbliche Rolle diese Dinger in den nächsten Jahren spielen würden. Ich ließ mich photographieren, um ein Bild für die Abonnementsfahrkarte zu bekommen, kaufte einen Umhang, den ich heute noch habe, und begab mich auf das Reisebüro, um die Karte zu beantragen und am nächsten Tag abzuholen. Tagsdrauf trafen wir uns am Kölner Hauptbahnhof und reisten nach Aachen, um dort zu übernachten und am folgenden Morgen früh gleich mit voller Fahrt zu Belgien hinein zu fahren. In Aachen hatten wir Zeit genug, den historischen Dom mit dem Grabmal Kaiser Karls, sowie das neue Rathaus und die Schwefelquellen zu besichtigen. Auch wechselten wir uns hier einen größeren Betrag deutschen Geldes in belgisches Geld um, um unterwegs keine Schwierigkeiten zu bekommen. Am andern Morgen passierten wir bei Herbesthal3 die Grenze, bekamen von dem Douanier4 ein Kreuz mit Kreide auf den Rucksack gemalt als Zeichen der Zollrevision und waren nun in Belgien Über Lüttich und Löwen kamen wir nach Brüssel. Hier besichtigten wir zunächst das Schloß, den prächtigen Justizpalast, das größte Gebäude Belgiens, das große Gemälde-Museum: Musee des beaux arts5, das originelle Wiertz-Museum6, das Postgebäude, die St. Gudula-Kirche7 und tranken dieser gegenüber im Restaurant: La Tour Grasse ein schlechtes Bier mit dem deutschen Namen Bock. Selbstverständlich gingen wir auch nicht am Sandplatz(?) mit den Denkmälern von Wilhelm von Oranien, Hoorn und Egmont vorbei. ▶
- Wahrscheinlich ist Straßebersbach, heute Gemeinde Dietzhölztal gemeint. ↑
- Gemeint ist die am 15. Mai 1914 eröffnete große Leistungsschau des Deutschen Werkbundes auf dem Deutzer Rheinufer. ↑
- Bis 1919 deutscher Grenzort an der Grenze zu Belgien. ↑
- Zollbeamter. ↑
- Die Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel. ↑
- Das Antoine-Wiertz-Museum in Ixelles ↑
- Die Kathedrale St. Michael und St. Gudula, die Hauptkirche Brüssels ↑
| Recommended Citation: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 23: Reise nach Belgien, Sommer 1914“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-23> (aufgerufen am 06.05.2026) |
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