Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 17: Wanderung zurück nach Dillenburg

[102-103] Über Andernach1 fuhren wir mit der Bahn nach Godesberg2, dann über den Rhein nach Königswinter3. An einer Photographie-Bude konnten wir nicht vorbeikommen, und so entstand [S. 103] eine Gruppenaufnahme von uns vieren, die ich heute noch besitze. Nach dem Drachenfels hinauf benutzten wir das Nachtigallentälchen. Unterwegs kam uns eine Schulklasse mit ihrem Lehrer entgegen. Plötzlich gab es eine Stockung. Einer der Schüler hatte an der Böschung in eine Flaschenscherbe getreten, die ihm eine große Wunde am Knöchel beigebracht hatte. Der junge Lehrer wußte sich nicht recht zu helfen. Da griff Metz kurz entschlossen zu, band dem Jungen ein Taschentuch um den Knöchel und packte ihn huckepack auf den Rücken, während ein anderer Schüler den Rucksack trug, und so verzichtete Metz auf die letzte Sehenswürdigkeit, die er mit uns besichtigen wollte und trat von hier aus die Rückreise mit der Bahn an. Wir aber setzten unseren Weg zu dreien fort und erfreuten uns bald darauf an dem herrlichen Blick auf das Rheintal vom Drachenfels4 aus. Dann marschierten wir östlich durch das Siebengebirge, grüßten von weitem das Kreuz des Ölbergs, kochten am Eingang des Dorfes Ittenbach5 unsere Erbsensuppe und erreichten am Nachmittag das Dörfchen Unterpleis(?)6, unser letztes Nachtquartier. Das Essen war gut, aber das Bier so warm, dass wir sehr enttäuscht waren. Wir unternahmen deshalb am Abend noch einen Spaziergang durch das Dorf, fanden in einem anderen Lokal ein besseres Glas Bier und hielten unseren Abschiedstrunk, denn morgen Abend wollten wir wieder in Dillenburg sein. Als wir tagsdarauf etwa eine Stunde marschiert waren, vermisste Grävenstein seinen Panama. Er hatte ihn in Niederpleis hängen gelassen und es nicht bemerkt, da er barhäuptig zu gehen pflegte. Zurück wollten wir nicht mehr; er hat auch den Hut, trotzdem er noch einmal an den Wirt geschrieben hat, nicht wieder bekommen. Zum letzten mal wurde der Spirituskocher jenseits Uckerath7 in Betrieb gesetzt, doch die Wurst, die wir in Uckerath gekauft hatten, schmeckte derart nach Phosphor, dass wir sie liegen ließen. In Eitorf8 erreichten wir die Köln-Gießener Bahn und am Nachmittag kamen 3 Wanderer mit 2 Hüten in Dillenburg an. Als ich die Hohl hinauf marschierte, war Maria gerade im Begriff den letzten Korb Briketts in den Keller zu tragen, denn ausgerechnet in meiner Abwesenheit war ihr ein Wagen voll vor die Türe geschüttet worden. Das kühlte etwas den frohen Empfang ab. Doch sind alle Beteiligten bis heute darüber einig, dass diese 8-Tagewanderung ein schönes Erlebnis ersten Ranges darstellt.


  1. Stadt Andernach, Kreis Mayen-Koblenz.
  2. Bad Godesberg, heute Stadtteil von Bonn.
  3. Königswinter, Stadt gegenüber von Godesberg.
  4. Burg Drachenfels, im Siebengebirge zwischen Königswinter und Bad Honnef.
  5. Ittenbach, Stadtteil von Königswinter.
  6. Niederpleis, Stadtteil von St. Augustin.
  7. Heute Stadtteil von Hennf (Sieg).
  8. Eitorf, Gemeinde im Rhein-Sieg-Kreis, heute an der Grenze zu Rheinland-Pfalz.

Recommended Citation: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 17: Wanderung zurück nach Dillenburg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/5-17> (aufgerufen am 06.05.2026)