Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessian World War I Primary Sources

↑ Albert Schorn, Kriegs-Chronik der Stadt Camberg, 1914-1921

Abschnitt 14: Einbringen der Ernte, Hamsterfahrten, Lebensmittelkarten

[26-27] Der Sommer brachte viel Regen mit. Die Leute führten ihn auf den furchtbaren Kanonendonner zurück, der die Luft erschüttere und beständiges trockenes Wetter nicht zulasse. 1870, sagten sie, sei aus dem gleichen Grunde in Süddeutschland die halbe Ernte verdorben. Erst Anfang August stellte sich besseres Wetter ein.

Bei der Ernte halfen nicht allein die Schulen mit. Auch die Militärbehörde stellte bereitwilligst Mannschaften aus Ersatzbataillonen und Lazaretten zur Verfügung. Zum Ansporn für die Landwirte wurden sogenannte Druschprämien gewährt, d. h. für jede Tonne bis zum 10. Oktober bzw. 11. November abgelieferten Getreides wurden 20 bzw. 12 Mk. Belohnung gezahlt.

Im Herbst ging das Hamstern los. Ganze Scharen von Kindern aus Höchst, Griesheim, Nied und Frankfurt kamen tagtäglich, gingen von Haus zu Haus und hielten um einige Kartoffeln oder um ein Stückchen Brot an. Waren die Leute nicht daheim, so wanderten die hungernden Städter zu ihnen aufs Feld hinaus. Mancher Kartoffelbusch wurde bei günstiger Gelegenheit auch ohne Wissen und Willen seines Besitzers von unbefugter Hand aus gerissen. Die Hamsterer reisten bis in den Westerwald hinauf. Die Abendzüge nach Frankfurt waren vollgepfropft von ihnen. Die Lokomotiven keuchten unter ihrer Last.

Das Kartensystem wurde fast auf alle Lebensmittel ausgedehnt. Am 28. April wurde jeder, der mehr als 20 Pfd. Zucker im Besitz oder Gewahrsam hatte, unter Androhung erheblicher Strafe zur Anzeige verpflichtet. Im Oktober wurden die ersten Eierkarten ausgegeben. Jede Person war berechtigt, alle 10 Tage ein Ei zu beziehen. Krankenhäuser und Lazarette wurden über die Norm berücksichtigt. Trotz der Karten konnte man leider sehr oft nichts erhalten. Am schlimmsten waren die Hausfrauen dran. Sie wußten häufig nicht, was und womit sie kochen sollten. Ende April mußten sie ihre kupfernen Waschkessel herausgeben. Als Ersatz schäften sie sich meistens emaillierte Kessel an. Im Herbst warteten sie sehnsüchtig auf den Einmachzucker. Als er schließlich in bescheidenen Mengen da war, hatten sie sich bereits notdürftig ohne ihn behelfen müssen. Besonders drückend wurde der Mangel an Fett und Butter empfunden. Die Kreisbehörde verbot durch Verordnung vom 15. Oktober jeden freien Verkauf und jede sonstige entgeltliche oder unentgeltliche Abgabe dieser Lebensmittel. Sie schränkte das Recht hierzu auf bestimmte von ihr bestellte Aufkäufer ein, die mit Ausweiskartell versehen und über den Kreis bezirksmäßig verteilt waren. Jeder Buttererzeuger war zur Ablieferung einer bestimmten Menge (1/2 Pfd. pro Milchkuh und Woche) verpflichtet. Aber diese Maßnahme hatte, so gut sie gemeint war, nur geringen Erfolg. Fett und Butter wurden nach wie vor frei verkauft, nur im geheimen und erheblich teurer als vorher, weil die Gefahr der Strafe den Preis in die Höhe trieb. Am 16. Dezember sah sich die Behörde gezwungen, unter Androhung von Stallkontrolle und Anzeige bei der Staatsanwaltschaft auf die Pflicht der Ablieferung erneut hinzuweisen.


Recommended Citation: „Albert Schorn, Kriegs-Chronik der Stadt Camberg, 1914-1921, Abschnitt 14: Einbringen der Ernte, Hamsterfahrten, Lebensmittelkarten“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/34-14> (aufgerufen am 05.05.2026)