Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Ausmarsch und Fahrt zur belgischen Grenze
- ...
- Bau einer großen Scheinstellung
- Vermessungs- und Ausbauarbeiten, Ruhe an der Front
- Ausbau der Stellungen, feindliche Patrouillen
- Patrouillen gegen den Feind, Beschuss, Frontleben
- Heftiger Beschuss im Unterstand, Beerdigung
- Ausbildung am Mörser, Bau von Drahthindernissen
- Wanderung nach Chaulnes
- Ruhetage, Vorbereitungen zur Rückfahrt
- Rückfahrt von der Somme nach Deutschland
Illustrations
↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915
Abschnitt 36: Ruhetage, Vorbereitungen zur Rückfahrt
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28.6.15. Ruhetag. Ich laufe mit H. und L. im Orte herum. Scharen kleiner A-B-C-Schützen mit Büchern unterm Arm begegnen mir. Die Kinder haben bei zwei Infanteristen und einer hübschen 16 jährigen Lehrerin Unterricht. Jedes Kind muß täglich zur Schule, das hat der ganz kleinen Gesellschaft Kummer gemacht. Die Deutschen sind halt in jeder Beziehung Barbaren. Ich würde zwar bei dem allerliebsten kleinen Mädel ganz gern Schulunterricht nehmen.
Der Abend wird jetzt immer unser Plauderstündchen, dann wird von daheim erzählt, und dann möchte jeder so allerlei, daß einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Ach, wenn ich doch nur einmal in unsere Wohnstube sehen könnte, — ach, wenn ich doch nur einmal im Federbett schlafen könnte, — ach, wenn ich . . . Und dann holt der L. seine Mundharmonika, die klingt unsern Ohren schon wie weicher Geigenton, und dann laufen wir die Landstraße langsam immer hin und zurück und singen dreistimmig alte, liebe Weisen, bis die Sterne aufziehen und die Leuchtraketen und Granatenblitze am Horizont den Himmel erhellen.
29.6.15. Morgens um 8 schmeißt mich der L. aus dem Bett, schnell die Schuhe an, so bin ich in zwei Minuten marschbereit. An der Feldküche lassen wir uns für unsere Reise ein Paar „Halberstädter"1 geben, denn heute bin ich nach Ch. Bärenführer.
Den Nachmittag habe ich an den Plänen für einen gepanzerten Geschützunterstand zu arbeiten. Mit dem Heimkommen sieht's wenig rosig aus.
30.6.15. Morgens um 6 Uhr geht's über Land. 3 Vierspänner — Fuhrwerke der Feld- Artillerie — sollen für den mir übertragenen Bau von 3 Panzer-Geschützunterständen Materialien fahren. Es ist eine hochinteressante Aufgabe, die mir da gegeben ist. Ich benötige zum Bau allein 156 Eisenbahnschienen, 36 Stück 11 m lange I-Träger, 1 Waggon Zement, Kies usw. Die gemütliche Fahrt geht zweimal über altbekannte Gegenden, dann überqueren wir die breite Heerstraße nach H., und nun geht's in Neuland hinein. M . . . mit seinem großen Schloß und Park lag im Sonnenglanz vor uns. An den Straßen waren Franzosen unter Aufsicht von Mannschaften unserer Wegebaukompagnie mit dem Schneiden der Hecken und Straßenausbessern beschäftigt. Im Nest selbst herrschte ein Leben und [S. 336] Treiben, als wenn Jahrmarkt wäre. Aber die Gesichter der Leute waren wenig heiter, viele heulten, und doch konnte ich ein Lachen nicht unterdrücken, als ich jetzt die Pferdemusterung, denn das war es, sah. Das war Landsturm 2, schreckliche Viecher, die so alle an der Grenze der Pferderasse standen. Da gab's Viecher, die hinkten wie die Pegasusse der Kriegsdichter, langohrige Maulesel, Ponys bis hinab zu den kleinsten schmutzigen Eseln, die munter und lustig ihr Iah ertönen ließen. Beim Divisions-Pionier-Park (Sandgrube) holte ich meine Sachen ab, bei der zweiten Fahrt fuhr ich mit nach St. Chr.2 am Somme-Kanal. Da der Himmel uns mit Gewitterregen beglückte, wurde ich dort vom Feldwebel zu Kirschen, Kaffee und Rühreiern eingeladen. Bei der Rückfahrt haben wir uns regelrecht verfahren, so daß wir trotz Benutzung einiger abkürzender, aber eingesehener Straßen erst abends um ½ 8 Uhr daheim, ankamen.
1.7.15. Der Tag verläuft wie der vorhergehende. Aber abends erhalten wir noch fröhliche Nachricht. Wir Offiziers-Aspiranten sind umgehend nach Ingolstadt zu senden. Wir freuen uns doch alle, unser Deutschland wiedersehen zu dürfen, und ich freue mich besonders.
2.7.15. Ich habe gestern abend noch lange gepackt und die Nacht vor Erregung nur schlecht geschlafen. Aber meine Tätigkeit hier sollte noch einen wunderschönen Abschluß erhalten. Morgens um 7 Uhr holte mich der bestellte Feldartillerist ab, und dann ging's über die streng verbotene sogen. Blindgänger-Allee nach D. Ein Graben und Hindernis reiht sich hier, an das andere, die größeren alleinstehenden Höfe sind zur Verteidigung eingerichtet, in allen Mauern, in den Stockwerken der Hauswände sind runde Schießscharten ausgebrochen. Wie jedes Dorf, so besitzt auch dieser Ort sein Schloß mit einem riesigen wunderschönen Park; beide überragen an Schönheit und Größe alle, die ich hier sah. Der Schloßherr hat sogar eine eigene Kirche, riesige Pferdeställe, und die uralten, mächtigen Fichten, Eichen und Buchen im Park zeigen, daß ein alles Geschlecht hier herrscht. Ich sollte zum Herrn Major v. A. kommen. Der Herr wohnt in einem selbst gezimmerten Häuschen tief im Park, die jungen Offiziere haben ihren Oberen vom gemütlichen, eleganten Schlosse damit ferngehalten, daß sie Ungeziefer vorschützten. Der Herr Major schlief noch. Die Wartezeit habe ich mir recht angenehm verkürzt, indem ich die gut maskierten Leitern zum Artillerie-Beobachter auf seinen luftigen Posten in einer riesigen alten Tanne hinaufstieg und durchs Scherenfernrohr die weite Gegend hinter den französischen Schützengräben, besonders die ziemlich zusammengeschossene Fabrik bei H. mir einmal aus der Nähe ansah. Ganz schön und idyllisch war's hier oben, im Glase sah ich die deutschen und französischen Schützengräben mit ihren Drahtverhauen und die vielen Laufgräben dicht vor mir. Als ich hinabgestiegen kam, erwartete mich schon ein Leutnant, der Herr Major ließ bitten. Er lag noch in den Federn, drückte uns kräftig die Flosse und rief einen seiner Diener, der gerade beim Stiefelwichsen beschäftigt war, herein, er solle uns eine Zigarre anbieten. Mir drückte zur Heiterkeit aller der biedere Kanonier mit seinen Schmutz-Händen vertrauensselig gleich 6 Stück in die Hand. Ich erhielt meine Anweisungen, dann zog ich mit dem Leutnant durch den großen Park nach dem furchtbar zerschossenen S. 50 m hinter dem Schützengraben stehen die Geschütze, die jetzt an einen andern Ort kommen sollen. Der Infanterie-Schützengraben kam mir vor wie ein Paradies. 500 m ist der Feind entfernt, selten erreicht hier eine Mine unsern Graben, die Unterstände befinden sich hinter der Stellung in einem breiten Hohlweg, der in einen Blumengarten umgewandelt ist. Wenn wir's so gut hätten wie hier die Infanterie oder gar die Artillerie!
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- Würstchen der bekannten Halberstädter Würstchenfabrik Heine, die als erste Brühwürste in Konservendosen herstellte. ↑
- Saint-Christ-Briost, Gemeinde im Départemente Somme ↑
| Persons: | Fischmann, Wilhelm |
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| Places: | Saint-Christ-Briost · Somme-Kanal · Ingolstadt · Halberstadt |
| Keywords: | Kinder · Schüler · Heimweh · Mundharmonikas · Leuchtraketen · Granaten · Feldküchen · Halberstädter Würstchen · Konservendosen · Fuhrwerke · Feldartillerie · Panzer-Geschützunterstände · Baumaßmnahmen · Pferde · Pferdemusterung · Feldwebel · Offiziersaspiranten · Majore · Ungeziefer · Zivilbevölkerung · Scherenfernrohre · Drahtverhaue · Schützengräben · Laufgräben · Leutnante · Minen |
| Recommended Citation: | „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 36: Ruhetage, Vorbereitungen zur Rückfahrt“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/164-36> (aufgerufen am 06.05.2026) |


