Hessian World War I Primary Sources

Contents
- Ausmarsch und Fahrt zur belgischen Grenze
- ...
- Vermessungsarbeiten an der Front
- Leben im Schützengraben an der Somme
- Feldgottesdienst an Ostersonntag 1915
- Beim Erkundungstrupp und Bau von Drahthindernissen
- Nächtliches Vorrücken aus dem Schützengraben
- Ruhigere Tage im Frontabschnitt
- Kriegstote und Verwundete, Kriegsgedicht
- ...
- Rückfahrt von der Somme nach Deutschland
Illustrations
↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915
Abschnitt 10: Beim Erkundungstrupp und Bau von Drahthindernissen
◀ [141-142]
Jetzt zählen wir schon den 6. April [1915], den 3. Ostertag. Unser schneidiger, lieber Leutnant Sch. teilte mir um 6 Uhr mit, daß ich die Nacht mit ihm und 10 Freiwilligen Drahthindernisse vor unserer Front zu bauen habe. Auf die Mithilfe von W. und B. wolle er verzichten.
Um ¾ 8 Uhr trottete die kleine Schar bei strömendem Regen in die Nacht hinein. Unser 5 km langer, schmaler Laufgraben glich einem Bache. Bis an die Knie wateten wir in Lehm und Wasser und volle zwei Stunden brauchten wir, um in unsern Schützengraben zu kommen. Lautlos liefen wir tastend den Graben entlang, Leutnant Sch. verschwand im Unterstande des Kompagnieführers, wir warteten draußen und setzten uns auf eine Treppe. Wind und Regen fegten über uns weg, die Posten standen an ihren Schießscharten, frierend und naß, Säcke über den Kopf gezogen. Leuchtkugeln flogen auf und beleuchteten das Vorfeld, die Drahthindernisse und die feindliche Stellung taghell. Es war eine schaurig-schöne Nacht.
Nach einer Stunde kam Leutnant Sch.: „F., wir haben den Befehl, eine französische Stellung 70 m vor unserer Front zu erkunden. Gestern ist von diesem Teil der Sturmangriff ausgegangen. Es soll ein Beobachtungsposten, der aus einem Minengang hochgetrieben ist, oder eine Sappe sein." Mit uns ging noch der Infanterist Gefreiter H., ein Landwehrmann. Seine Brust ziert das Eiserne Kreuz und die goldene Tapferkeitsmedaille, da er in Vermandovillers mit noch einem Manne 100 Franzosen abgeschossen hat.
Neun Mann unserer Leute schickten wir zum Holen der „spanischen Reiter" (Drahthindernisse) fort, wir drei blieben an der Stelle, an der wir aussteigen sollten, auf einer Stufe sitzen. Uns gegenüber am Rande des Schützengrabens ragt ein Kreuz in die Luft, das sich schwarz an dem von Leuchtraketen erhellten Himmel abhebt. Da schläft ein Kriegsfreiwilliger den langen Schlaf. Wir hatten meinen Mantel untergelegt, aber wir waren durch den Regen naß bis auf die Haut. Uns fröstelte, wir baten beim Unterstande eines Offizierstellvertreters um Unterkunft. Wir setzten uns zusammen an den warmen Ofen und gingen unseren Gedanken alle nach, wir dachten an daheim. Wir haben uns fertig gemacht auf den schweren Weg.
Um 1 Uhr wurde in der Kompagnie der Befehl durchgesagt, daß von ¼ 2 Uhr ab das Schießen aufzuhören hätte. Um ¼ 2 Uhr krochen wir auf dem Bauche liegend über die Schulterwehr dem Feinde entgegen. Unser breites Drahthindernis war bald genommen, wenn auch meine Uniform in Fetzen ging. Stückweise ging's vorwärts. 100 m war der feindliche Graben, 70 m dieser 1 m hohe Erdaufwurf von unserer Stellung entfernt. Wir krochen, den Kopf in die Erde geduckt, an der äußeren Seite unserer Hindernisse entlang, um uns dem Loche von links zu nähern. Wenn die Leuchtkugeln hochgingen, blieben wir unbeweglich liegen und spähten nach der Erhöhung, nach der feindlichen Front und den Drahthindernissen. Wir fieberten, wir hörten unser Herz schlagen und waren doch kalt bei ruhigen, klaren Sinnen, voll unserer Verantwortung bewußt. Nur, wenn die feindlichen Kugeln um uns herum wie die Bienen surrten, dann dachten wir wohl mal: wo mag die nächste hintreffen?
Unsere Nervenanspannung sollte gesteigert werden. In 25 m Entfernung von uns kroch eine feindliche Patrouille. Wir hatten keine Waffe als unsere Messer, die wir bereit machten. Aber sie verschwand bald wieder kriechend nach ihren Stellungen zu. Wir schoben uns jetzt weiter nach links an das Loch heran. Eine Leuchtkugel flog auf, ein Paar Schüsse fielen, dann näherten wir uns, uns leise anspornend, der Stelle auf 15 m, um zu horchen. Das Loch war von zwei Mann besetzt, erst hustete der eine wohl ein dutzenmal und dann fingen sie an, sich laut und hell zu unterhalten. Unser Ziel war erreicht! Wir legten unser Ohr dicht auf den Boden: wir hörten das scharrende Geräusch der Bohrmaschine: es wird uns entgegenminiert. Wir haben lange, sehr lange frierend hier mutig ausgeharrt, dann krochen wir auf demselben Wege wieder zurück. In den Hindernissen verfing ich mich, meine Uniform ging noch mehr in Fetzen, ich zerrte an den Drähten. Das gab Lärm. Zwei Kugeln schlugen dicht bei mir ein, dann fiel ich, den Kopf voran, über die Brustwehr. — Unsere 10 Mann hatten ängstlich gewartet, wir wollten eine halbe Stunde fortbleiben und hatten eine Stunde 20 Minuten draußen gelegen. Freudig wurden wir von den Infanteristen und den 10 Pionieren begrüßt. Und dann ging's todmüde in den Zugführerunterstand.
Ich habe noch 34 m Drahthindernis gebaut, dann sind wir heim. Als wir um 6 Uhr im Schlosse ankamen, lud mich Leutnant Sch. zum Kaffee ein, und dann bin ich zu den Mäusen in die Falle gekrochen.
Heute nachmittag ist unsere Erkundung zu Protokoll genommen und eiligst an die Division abgesandt. Wir werden sofort Gegenmaßregeln ergreifen. Heute abend noch gehe ich mit Leutnant Sch. wieder in Stellung, um an Ort und Stelle [S. 142] im Schützengraben zu beraten und Pläne zu machen.
Ich bin noch in einem etwa 40 m langen Minenstollen vorgekrochen, habe am Ende ein Infanterie-Seitengewehr seitwärts bis zur halben Klingenlänge in die Erde gestoßen, das herausragende Ende in den Mund genommen und mein eines Ohr gegen die Wand gepreßt, das andere zugehalten. Das ist das sogenannte Horchpostenstehen im Minenstollen. Das geringste Geräusch ist auf diese Weise deutlich zu hören. Lange habe ich angespannt gelauscht, an dieser Stelle war nichts zu hören als das Kriechen der Mannschaften an den Hindernissen und ihr leises Sprechen. Ihr seht, mit welchen seltsamen Mitteln in diesem Stellungskrieg gearbeitet wird.
▶
| Persons: | Fischmann, Wilhelm |
|---|---|
| Places: | Vermandovillers |
| Keywords: | Leutnante · Drahthindernisse · Laufgräben · Schützengräben · Leuchtkugeln · Sturmangriffe · Minengänge · Sappen · Infanterie · Landwehrmänner · Eisernes Kreuz · Tapferkeitsmedaille · Franzosen · Patrouillen · Minierungen · Pioniere · Seitengewehre · Spanische Reiter · Frontabschnitt: Somme · Westfront |
| Recommended Citation: | „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 10: Beim Erkundungstrupp und Bau von Drahthindernissen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/164-10> (aufgerufen am 06.05.2026) |


