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Hessian World War I Primary Sources

↑ Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914

Abschnitt 87: 8.8.1914: Kritik an gefährlicher Fremdenhetze


Staatsgefährliche Fremdenhetze.

Die Regierung sieht sich genötigt, einen öffentlichen Aufruf zu erlassen, in dem vor dem Treiben gewisser sich patriotisch geberdender Elemente eindringlich gewarnt wird. Die Presse aller Parteien hat die Pflicht, diese Warnung aufs Nachdrücklichste zu unterstreichen.
Die Belästigung und Mißhandlung harmloser Ausländer ist ein Akt der Feigheit und Unmenschlichkeit. Wer ihn begeht, schädigt das Ansehen des deutschen Volkes.
Es sind aber nicht nur sittliche Werte, die zerstört werden, auch sehr reale Interessen des Volkes werden aufs Schwerste geschädigt.
Für jeden Ausländer, der in Deutschland lebt, leben zehn Deutsche im Ausland. Was an einem Ausländer in Deutschland begangen wird, wird an zehn Deutschen im Ausland zehnfach vergolten werden.
Das Schlimmste aber ist, daß die Fremdenhetze Deutschland, dem es doch wahrlich nicht an Feinden fehlt, in neue Konflikte zu verwickeln droht und ihm Sympathien entfremdet, die ihm sehr wertvoll werden können.
In Berlin ist der spanische Gesandte insultiert, der argentinische Geschäftsträger von aufgeregten Spionenriechern angehalten worden. Wie wird man diese Vorfälle in Spanien und in ganz Amerika gegen Deutschland ausnützen!
Ebenso sind Bürger der Vereinigten Staaten, die sich in ihrer englischen Muttersprache unterhielten, in arger Weise belästigt worden. Die Vereinigten Staaten, die durch den Weltkrieg beinahe schon zum Schiedsrichter Europas geworden sind, werden auf diese Weise gegen Deutschland schwer gereizt.
Man setzt — besonders in der konservativen Presse — große Hoffnungen auf die polnische Revolution gegen Rußland. In Berlin werden aber polnische Familien auf die Straße gesetzt, weil deutsche Mitbewohner des Hauses ihre Anwesenheit nicht mehr dulden wollen.
In Berlin gibt es ferner — trotz der Arbeit der Polizei — noch immer sehr viele russische Sozialdemokraten, geschworene Feinde des Zarismus. Und schon mancher dieser russischen Genossen hat mit den Fäusten aufgeregter „Patrioten" Bekanntschaft machen müssen. Aus Feindschaft gegen den Zaren prügelt man die opfermutigen Bekämpfer des Zarentums!
Selbst der deutsche Aufmarsch wird durch das abscheuliche Treiben gestört. Deutsche Offiziere in Zivil sind als „Spione" festgehalten worden. Autos, die im Kriegsdienst stehen, werden angehalten, weil man in ihnen russische Geldtransporte vermutet. Das Berliner Tageblatt berichtet, daß Mitglieder des freiwilligen Automobilkorps, deren Uniform wenig bekannt ist, nicht nur in ihrem Dienst gestört, sondern sogar auch an Leib und Leben gefährlich bedroht worden sind.
Es ist selbstverständlich, daß sich jener Teil der Bevölkerung, der durch die Schule der Sozialdemokratie gegangen ist, von solchen Ausschreitungen fernhält. Darüber hinaus ist es Pflicht, auf weitere Volkskreise aufklärend und beruhigend zu wirken und ihnen vorzustellen, wie schwer durch solche Exzesse die deutsche Selbstverteidigung gefährdet wird. Aus der offiziellen Bekanntmachung werden sie erfahren haben, daß auch die deutsche Regierung selbst auf solche überpatriotische Bärendienste dankend verzichtet.
Ein großer Teil der Schuld an den höchst bedauerlichen und empörenden Vorgängen ist dem Teil der Presse beizumessen, der sich dazu hergegeben hat, alle möglichen Meldungen kritiklos weiter zu verbreiten, und leider hat das halbamtliche Wolffsche Bureau in dieser Beziehung den Ton angegeben. Auf dem Wege über Wolff wurde die Nachricht über die standrechtliche Erschießung des Kochemer Gastwirts in die Oeffentlichkeit geworfen; auf demselben Wege wurde von der Brunnenvergiftung durch den französischen Arzt in Metz Kenntnis gegeben. Beide Meldungen sind inzwischen dementiert, aber sie haben auch ihre verhängnisvolle Wirkung getan. Die Nervosität des Publikums wurde ins Ungecheuerliche gesteigert, schlechte Instinkte wurden wachgerufen und es ging gänzlich das Gefühl dafür verloren, daß wir uns vor der Welt moralisch ins Unrecht setzen, wenn wir in diesem Momente die würdige Haltung aufgeben, die einzunehmen jeder Kulturstaat in ernsten Zeiten doppelt verpflichtet ist.

[Offenbacher Abendblatt vom 8. August 1914]


Recommended Citation: „Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914, Abschnitt 87: 8.8.1914: Kritik an gefährlicher Fremdenhetze“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/161-87> (aufgerufen am 07.05.2026)