Hessian World War I Primary Sources

Contents
- 1.8.1914: Die Sozialdemokratie und der Krieg
- ...
- 6.8.1914: Hilfskomitee zur Linderung der Kriegsnot
- 6.8.1914: Die Ernteaussichten für 1914
- 6.8.1914: Lockerung des Kinderschutzes im Krieg
- 7.8.1914: Die Sozialdemokratie und der Krieg
- 7.8.1914: Automobiljagd wird eingestellt
- 7.8.1914: Nicht auf Luftfahrzeuge schießen!
- 7.8.1914: Erlass des Kaiser an die Soldaten
- ...
- 12.8.1914: Aufruf an die Arbeiterjugend
Illustrations
↑ Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914
Abschnitt 77: 7.8.1914: Die Sozialdemokratie und der Krieg
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Die Sozialdemokratie und der Krieg.
Die sozialdemokratische Fraktion hat im Reichstag gemeinsam mit den bürgerlichen Parteien eine Kriegsanleihe von fünf Milliarden bewilligt. Sie hat ihr Wort eingelöst, daß sie trotz allem, was sie von der bürgerlichen Welt trennt, das Vaterland im Augenblick der Gefahr nicht im Stiche lassen wird.
Die Sozialdemokratie bewilligt Kriegskredite! Vor wenigen Tagen war das etwas Undenkbares! Heute ist es das Selbstverständliche! Hätte es sich darum gehandelt, dem herrschenden Regime Vertrauen oder Mißtrauen auszusprechen — nie hätten die Sozialdemokraten die Kriegskredite bewilligt. Wäre es möglich gewesen, durch Ablehnung dieser Kredite den Krieg zu verhindern, — nie hätten die Sozialdemokraten die Kriegskredite bewilligt. Und sollte die Annahme bedeuten, daß die Sozialdemokratie den Schuldigen und Mitschuldigen dieser Weltkatastrophe von ihrer entsetzlichen Verantwortung auch nur das Allergeringste abnehmen wolle — nie hätten die Sozialdemokraten die Kriegskredite bewilligt.
Aber Vertrauen oder Mißtrauen, wir können das herrschende Regime heute nicht beseitigen, Schuld oder Unschuld, der Krieg ist da, der das deutsche Volk mit Knechtschaft oder Vernichtung bedroht — und darum haben die Sozialdemokraten die Kriegskredite bewilligt. Der Sachverhalt ist von entsetzlicher Einfachheit. Das Unfaßbare ist Wirklichkeit geworden. Die Bewilligung der notwendigen Verteidigungsmittel durch die Vertreter der deutschen Arbeiterklasse ist nur die selbstverständliche Konsequenz dieser ungeheueren Tatsache.
Was die Sozialdemokraten am 4. August im Reichstag getan haben, das haben sie für die deutsche Arbeiterklasse getan. Und wir geben uns der Hoffnung hin, daß mit dieser Tat die letzte und entscheidende Epoche des proletarischen Befreiungskampfes begonnen hat. Die Abstimmung vom 4. August muß weit hineinwirken in die innere wie in die äußere Politik des Reiches. Sie will nicht sagen, daß die Arbeiterklasse auf ihre Forderungen verzichtet, sie sagt vielmehr, daß diese Forderungen zu geeigneter Zeit mit den geeigneten Mitteln und mit noch ganz anderer Wucht erhoben werden sollen als bisher.
Welche Folgen sich aus dem Weltkrieg und aus der Haltung der Sozialdemokratie für die innere Politik des Reiches ergeben — wer mag das voraussehen? Auf alle Fälle gehen wir ungeheueren Veränderungen entgegen, und daß sich diese Veränderungen zu ungunsten der von der Sozialdemokratie vertretenen Wünsche vollziehen könnte, wird heute niemand mehr annehmen. Denn es gibt jetzt und in alle Zukunft, in Krieg und Frieden nur ein einiges Volk, das keine russischcn Zustände auf deutschem Boden dulden will. Dieses Volk kämpft gegen den Zaren um seine Freiheit. Alle tun in der Stunde der Gefahr willig die gleiche Pflicht, und keine Macht der Erde wird darum imstande sein, ihnen nach dem Kriege das gleiche Recht zu weigern.
Doch die Fragen der inneren Politik treten jetzt weit, weit in den Hintergrund. Das Parlament ist wieder geschlossen, die Versammlungsredner sind verstummt, die Presse steht unter dem Druck des Kriegszustandes. Die leise Sprache der Diplomatie wird vom Schlachtgebraus übertönt. Aber die ersten, die sich wieder vernehmlich machen werden, wenn die Kanonen gesprochen haben, werden die Diplomaten sein. Die auswärtige Politik, deren Fragen jetzt auf den Schlachtfeldern ausgetragen werden, wird nicht immer die Sprache der nackten Gewalt reden. Man wird Waffenstillstände schließen und verhandeln. Dann aber wird für die Sozialdemokratie im Reichstag und im ganzen Reich die Stunde schlagen, in der sie ihre größte Mission zu erfüllen haben wird.
Wir wollen einen raschen Frieden. Wir wollen keinen Frieden, der den Besiegten bis in den Staub demütigt. Wir wollen keinen Krieg, der die Zwecke der staatlichen Verteidigung überschreitet, keinen Krieg bis zum allgemeinen Zusammenbruch ganz Europas. Wer weiß, wie bald alle Staaten die Hilfe der Sozialdemokratie brauchen werden, wenn es gilt, die entfesselten Leidenschaften zurückzudämmen, nationalem Siegerübermut mit dem Geiste internationaler Gerechtigkeit zu begegnen und eine Zukunft vorzubereiten, die an Stelle des gegenseitigen Mordens einen Friedensbund aller zivilisierten Völker setzt.
Durch Bismarcks glückliche Diplomatie führte der Friede von 1866 zu einem Bündnis. Durch seine verhängnisvollen Fehler war der Frieden von 1871 die Vorbereitung eines neuen Krieges. Wir wollen einen Frieden, der den Gegner nicht niedertritt, sondern ihn versöhnt, denn wir sind keines Volkes Feind, unser Kampf gilt vielmehr jener Macht, die der Feind aller Völker ist: dem Zarismus. Ist der glücklich zurückgeschlagen, mag auch der Krieg zu Ende sein. Alles weitere wäre sinnlose Selbstzerfleischung. Den Untergang Europas durch einen bis zur Erschöpfung geführten Weltkrieg zu verhindern, ist der Arbeiterklasse heiligste Pflicht.
Indem die Sozialdemokratie die Kriegskredite bewilligte, erfüllte sie nicht nur ihr oft gegebenes Versprechen, dem Vaterlande in der Stunde der Not beizustehen. Sie zertrat auch für alle Zeit die giftige Verleumdung der Gegner, die sie das Vaterlandsverrats beschuldigten und sie sammelte Kraft für eine nahe Zukunft, in der die Arbeiterklasse und die ganze Menschheit ihre Dienste nötiger brauchen wird denn je. Nicht um unseren Uebertritt ins bürgerliche Lager zu vollziehen, sondern um unseren eigenen Grundsätzen zu gehorchen und für eine kraftvolle, selbstbewußte Politik des schaffenden Volkes den Weg frei zu machen — darum haben wir die Kriegskredite bewilligt!
[Offenbacher Abendblatt vom 7. August 1914]
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| Recommended Citation: | „Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914, Abschnitt 77: 7.8.1914: Die Sozialdemokratie und der Krieg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/161-77> (aufgerufen am 06.05.2026) |
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