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Hessian World War I Primary Sources

↑ Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914

Abschnitt 67: 6.8.1914: Veränderung des Straßenbilds in Offenbach


Das Straßenbild in der Mobilmachungszeit

ändert sich von Tag zu Tage. Die würdelosen, beschämenden Menschenjagden sind glücklicherweise sehr selten geworden. Nur dann und wann veranstalten verantwortungslose Gesellen noch einen Russenauflauf, dessen Unsinnigkeit am sarkastischesten gestern nachmittag dadurch zum Ausdruck kam, daß hinter dem Automobil des hier kurze Zeit auf Besuch weilenden Großherzogs sogar erwachsene Leute, die nicht wußten, was los war, mit dem Alarmrufe: „Spione!" herrasten!

An Stelle der Russenjägerei war. aber seit vorgestern abend die Fliegerseherei getreten. In jedem Wölkchen glaubte man einen Flieger und in dem hinter der Wolke hervorlugenden Sternlein sein Licht entdeckt zu haben, und am Tage genügte ein harmloser Drachen, den Buben aufsteigen ließen, um erregt über den angeblichen Flieger ihre Meinungen auszutauschen. Davon, daß sie Wahngesichte gehabt, waren diese Leute in der Regel nicht zu überzeugen.

Von packendem Eindruck ist die Art, wie unsere Bewohnerschaft — die Ausbleibenden und die Zurückbleibenden, die Frauen wie die Männer — das Unvermeidliche tragen. Alle beseelt nur der eine Wunsch: schnelle Siege, damit bald der Frieden wiederkehrt, dessen Köstlichkeit die meisten jetzt erst, da wir ihn verloren haben, erkennen lernen.

Und dabei wird unsere Hoffnung auf solche Siege einer harten Geduldsprobe unterworfen. Denn Nachrichten von: den Kriegsschauplätzen laufen nur spärlich und nur über unbedeutende Ereignisse ein. Das ist auch vollständig erklärlich Ob größere Ereignisse sich schon abgespielt haben oder nicht — die Militärbehörden können jetzt unmöglich von jedem Vorkommnis der Oeffentlichkeit Mitteilung machen und dadurch ihre Pläne aufdecken. Leider ist ja allerdings solch ein Zustand des Abwartens der günstigste Boden für alle möglichen Gerüchte. Von diesen schwirren denn schon eine ganze Reihe solcher Gerüchte — geeignet, Beunruhigung in die Bevölkerung und in die Familien zu tragen. Da gilt es, den Aengstlichen klar zu machen, daß sie nichts glauben sollen, als was amtlich bestätigt von den Zeitungen gemeldet wird, aber nicht etwa von den 5 und 10 Pfennig-Extrablättern, die man da um des Verdienstes willen mit allen Tricks an den Mann zu bringen versucht.

Dem Straßenbilde gibt die grau-grüne Felduniform nun eine besondere Färbung. Die Reservisten sind eingekleidet und untergebracht so gut es ging.

Besonderes Interesse, das unseres Erachtens das Maß des Zulässigen übersteigt, das zu Verkehrsstörungen und zu Gefahren für die Neugierigen, besonders die Kinder, sich auswächst, haben die Eisenbahnübergänge, wo Hunderte stehen, um die vorüberrollenden Transportzüge zu begrüßen. Gestern konnte beobachtet werden, wie die in einem an einem Bahnübergänge haltenden Züge sitzenden Soldaten von den benachbarten Geschäftsleuten usw. mit Wurst und Brötchen, mit Zigarren und Obst erfrischt wurden.

So zeigt sich das Straßenbild gestern und heut. Wie wird es morgen sein?

[Offenbacher Abendblatt vom 6. August 1914]


Recommended Citation: „Der erste Kriegsmonat im Offenbacher Abendblatt, August 1914, Abschnitt 67: 6.8.1914: Veränderung des Straßenbilds in Offenbach“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/161-67> (aufgerufen am 07.05.2026)