Hessian World War I Primary Sources

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↑ Karl Spieß, Die Mobilmachung in Biedenkopf und die Kriegsmonate bis März 1916
Abschnitt 19: Abschnitt 19
◀ Von militärischer Einquartierung blieb die Stadt bis dahin verschont. Aber eine Ueberraschung seltener Art erlebte sie am 17. November. „Flüchtlinge“ aus Schlesien, fast 500 an der Zahl, lauter blutjunge Leute von siebzehn bis zwanzig Jahren, trafen morgens mit dem fahrplanmäßigen Zuge hier ein. Man hat sie – drohender Gefahr vorbeugend – aus den Städten Kattowitz, Myslowitz u.a. entfernt; binnen wenigen Stunden mußten die Leute reisefertig sein, kaum konnten sie das nötigste mitnehmen. Und sie wußten nicht, wohin die Reise gehen sollte. Die auf den Kreis Biedenkopf entfallenden wurden hier ausgeladen und auf die Stadt und die Nachbarorte verteilt. Hier blieben hundertsechzig. Sie wurden schnell untergebracht, ohne Widerrede ließen sich die meisten der Einwohner die seltsame Einquartierung gefallen. Anderen mangelte das wünschenswerte Verständnis für die Sache und sie wußten sich unter nichtigen Einwänden von der Last zu drücken und sie anderen, oft unbemittelteren Mitbürgern zu überlassen. Alle Berufsartikel fand man vertreten: Handwerker, Landwirte, Beamte, Seminaristen, Kutscher, Kellner, Kaufleute, Haarkünstler, Bergleute u.s.f. Etwa vierzig von ihnen, die Grubenarbeiter und die Eisen- und Stahlfabrikarbeiter wurden nach zehn Tagen zurückberufen. Die übrigen mußten – teils gern, teils ungern – bleiben und aushalten, bis auch ihnen die Heimreise gestattet wird. Zum größten Teil mag es ihnen allen recht langweilig hier sein, weil es ihnen zumeist an Beschäftigung mangelt. Sie fühlen wohl auch Heimweh, denn viele hatten das Elternhaus noch nie verlassen.
Die Zahl der aus dem Lazarett Wilhelmshütte hierher überwiesenen, in der Genesung befindlichen Verwundeten ist im Laufe der beiden hinter uns liegenden Monate zurückgegangen. Nur wenige noch sieht man sich in den Straßen bewegen. Dazu kommen einige leichtverwundete Krieger, die sich zu ihrer Genesung bei den Angehörigen aufhalten.
Mit dem zweiten November endlich trat auf der Eisenbahn der „Friedensfahrplan“ wieder in Kraft. Damit soll nun nicht etwa gesagt sein, daß wieder Frieden im Lande herrscht, noch daß es der alte Fahrplan ist, nach dem die Züge fahren. Aber es ist doch immerhin eine nennenswerte Verkehrsverbesserung, die uns die Eisenbahnverwaltung geschaffen hat. Fünf Züge nach Marburg und sechs in Richtung Kreuztal fahren wie vor der Mobilmachung und sie fahren mit der alten Geschwindigkeit. Die übrigen Züge fallen vorläufig noch aus. Wie lange noch ? wer weiß es ?
Die Post hat noch einen beschränkten Schalterbetrieb, die Zahl der Beamten ist auf drei zusammengeschmolzen. Manche gewerbliche Betriebe ziehen aus dem Kriegszustand Nutzen. Es heißt nicht mit Unrecht: „des Einen Ull (Eule) ist des Anderen Nachtigall“. Die Spinnereien sind vollbeschäftigt, die Lederfabrik hat große Heereslieferungen, ein Drechsler fertigt in großen Mengen Stäbchen für die Zeltbahnen der Krieger, ein Spengler ist mit der Herstellung von Beinschienen für die Verwundeten beschäftigt. Für viele Lebensmittel sind die Preise ungewöhnlich gestiegen, es gilt dies besonders vom Reis und von den Hülsenfrüchten und man wird sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß verschiedene Waren, die dem täglichen Verbrauche zu dienen pflegen, nächstens überhaupt nicht mehr zu haben sind. Die Petroleumvorräte sind schon ganz erheblich zurückgegangen, ja im November war der Bezug von Erdöl zeitweise unmöglich. Leute, die sich den „Luxus“ des elektrischen Lichtes bi dahin nicht geleistet hatten, saßen abends wohl oder übel im dunkeln oder sie behalfen sich mit Stärinkerzen. Was Wunder, daß die Bestellungen auf elektrische Beleuchtung ins ungeahnte stiegen! Nun brennt fast die ganze Oberstadt Metallfadenlampen und Jeder bereut, daß er nicht schon früher aus der Genossenschaft der „Dunkelmänner“ ausgeschieden war.
Erfreulich ist es zu nennen, daß man ab und zu im heimatlichen Blättchen Feldpostbriefe unserer Biedenköpfer Krieger liest. Solche Dokumente bereichern die Kriegsgeschichte der Stadt und sind daher Urkunden von bleibendem Werte. Recht lebendig geschrieben ist vor allem der Brief unseres Landstürmers Otto Brühl, der seine Erlebnisse auf der Fahrt nach Brügge beschreibt. Möchten noch viele andere federgewandte Krieger unserer Heimat die Ortsgeschichte auf solche Weise vervollständigen helfen. ▶
| Recommended Citation: | „Karl Spieß, Die Mobilmachung in Biedenkopf und die Kriegsmonate bis März 1916, Abschnitt 19: Abschnitt 19“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/en/purl/resolve/subject/qhg/id/1-19> (aufgerufen am 06.05.2026) |
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