Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915

Abschnitt 18: Ruhigere Tage an der Front

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Der 23. 4. [1915] machte uns auch endlich zu Offiziersaspiranten. Oberleutnant D. hatte uns in Vorschlag gebracht, gestern kam die Genehmigung der Division.
Derselbe Tag brachte uns noch frohe Kunde von einem Sieg bei Ypern. Mit brausenden Hurras wurde die Kunde vernommen, daß wir Langemark und 3 andere Ortschaften in Flandern genommen, 30 Geschütze, darunter 4 schwere, erbeutet und 1600 Engländer und Franzosen zu Gefangenen gemacht hätten. Aber was die Hauptsache ist: der Übergang über den Yserkanal ist endlich erzwungen worden.

24. 4. [1915] Um 10 Uhr vormittags bin ich mit meinen Karten fertig geworden. Der Oberst hat sich meine Arbeiten angesehen und sich lobend ausgesprochen. Den Nachmittag hatte ich mich mit Arbeiten fürs Tagebuch beschäftigt.
Am Abend erhalten wir die Mitteilung, daß unser Erfolg am Yserkanal ständig fortschreitet. Wieder ist westlich des Kanals ein Dorf genommen, die Zahl der Gefangenen hat sich auf 2470, die der erbeuteten Geschütze auf 35 erhöht.

Der 25. April [1915], ein schöner Frühlingssonntag, ist mein Ruhetag, Bis um ½ 10 habe ich geschlafen, dann habe ich mich gebadet, Toilette gemacht, Wäsche gewechselt, meine eigenen neuen Sachen angezogen, mein Zimmer gründlich aufgeräumt — ich komme mir wie neugeboren vor. Zwei Kameraden habe ich zum Abendbrot ein geladen, Trinkbecher und Eßbesteck muß jeder selbst mitbringen, desgleichen Holz für meinen Schützengrabenofen. Speisenfolge: Lachs und Ölsardinen, Frankfurter Würstchen, Kakao mit kondensierter Milch, als Nachtisch: Edamer Käse mit frischer Butter, Zigarren, Zigaretten, Liköre. Es war einfach so schlemmerhaft, daß wir hinterher einen Verdauungsbummel ums Dorf machen mußten. Die Franzosen haben heute um 6 Uhr unsern Ort mit Granaten belegt, aber man wird im Kriege wohl mit Recht Fatalist, denn ausweichen kann man den Dingern doch nicht. Solange sie in 100 bis 200 m Entfernung von einem platzen, findet man sie höchstens interessant. Ich habe in aller Ruhe das heute abend zum ersten Male brennende elektrische Licht in meinem Zimmer installiert. Das gibt doch eine ungewohnte Helligkeit. — Ein Franzose in Feldgrau, der die Nacht in unserer Stellung vorm Drahthindernis abgefaßt ist, sein Kamerad wurde schwer verwundet und hat sich aber trotzdem 2 Stunden lang laut schreiend bis zu seiner Stellung zurückgeschleppt, wurde heute ins Dorf eingebracht. Die Festnahme muß klassisch gewesen sein: sieht da so ein alter Landwehrmann, wie sich 10 m vor ihm am Drahthindernis etwas bewegt., Sakrament, ist das ein deutscher Pionier oder ein Franzose! Er schießt eine Leuchtkugel ab und späht nach dem Fleck, da liegt ein feldgrauer Klumpen. „Halt, wer da!" brüllt er pflichtgemäß. Und da kommt, sich mehrmals um sich selbst drehend, schlotternd ein Franzose in Feldgrau an: „Nix schießen, bon Kamerad, gute AIlemand et gute Franzos'!" Und dabei fällt er die 3 in hohe Brüstung auch schon hinab und hält, als er aufsteht, gleich seine Hände hoch, „Schmeiß dei Gewehr weg, sonst kriagst a Watsche!" — und als wenn er Bayrisch verstünde, wirft er sein Gewehr und seinen Patronengürtel weit von sich weg und fällt unserm lächelnden Landwehrmann zum Gaudium aller herbeigelaufenen Leute um den Hals und gibt ihm einen Kuß. — Dem zweiten Franzosen, der zurückging, sandte man eine Kugel nach, die ihn schwer verwundete.
Beim Stellungskrieg ist ein gefangener Franzose eine Rarität. Er ist denn auch genügend bestaunt worden. Seinem Vaterlande ist er auch nicht treu geblieben, er hat uns ihre Minenstollen, ihre Zusammensetzung und ihre Artilleriestellungen verraten.

26.4.15. Der Tag bricht freudig für uns an. Bei Ypern wieder mehrere Dörfer genommen und über 1000, somit also schon 3500 Gefangene gemacht. Und auf den Maashöhen haben wir mehrere Schützenlinien durchbrochen, 1600 Franzosen gefangen genommen und 16 Geschütze erbeutet! Aber noch eine freudigere Nachricht. Unser Nachbarregiment, die …er1, haben diese Nacht eine Stunde von hier bei E. einen französischen Schützengraben genommen, da sie die Franzosen minieren hörten. Die haben nun heute morgen schon einen wütenden Gegenangriff gemacht, der aber blutig zurückgeschlagen ist. Hoffentlich können wir nun unsere Stellungen, die wir schon seit September bewohnen, auch bald verlassen, Leutnant Sch., studiert schon recht eifrig die Pläne, es sind nur noch 40 km nach Amiens, dem Ziel unserer Sehnsucht. Wir hoffen ganz sicher, daß wir schon recht bald vor dürfen.


  1. Auslassung durch den Herausgeber.

Personen: Fischmann, Wilhelm
Orte: Ypern · Langemark · Flandern · Yserkanal · Amiens
Sachbegriffe: Westfront · Frontabschnitt: Somme · Offiziersaspiranten · Oberleutnante · Siegesmeldungen · Geschütze · Engländer · Franzosen · Kriegsgefangene · Oberste · Regimentstagebücher · Granaten · Verwundete · Landwehrmänner · Leuchtmunition · Minenstollen
Empfohlene Zitierweise: „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 1140: Ruhigere Tage an der Front“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/164-18> (aufgerufen am 08.05.2026)