Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Die Situation in Metz zu Beginn des Krieges 1914
- ...
- Besuch in Limburg, Staffel, Elz und Offheim
- Weitermarsch nach Niederhadamar und Hadamar
- Besuch in Faulbach, Ahlbach und Oberweyer
- Über Ober- und Niederzeuzheim nach Frickhofen
- Besuch der Metzer in Frickhofen und Mensfelden
- Von Kirberg über Niederselters nach Camberg
- Über Schwickershausen und Camberg nach Werschau
- ...
- Sorge um zurückgebliebene Metzer
↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915
Abschnitt 22: Über Ober- und Niederzeuzheim nach Frickhofen
◀ [35-37] Drei gut zubereitete Eier erfreuten in Oberzeuzheim meinen unzufriedenen Magen. Leider habe ich hier absichtslos einen guten Bauer nach unserer Versammlung scheinbar schwer gekränkt. Während meiner Ansprache versuchte der ungeduldige Mann, mich drei- oder viermal zu unterbrechen. „Einen Augenblick! Nachher könnt Ihr beliebige Fragen stellen". Er ließ sich aber nicht einschüchtern und fragte gleich: „Wo sind Sie denn eigentlich stationiert?" Im Glauben, er wolle wissen, wo ich während meiner Reise wohne, erhielt er die etwas unsanfte Antwort: „Heute in der Kneipe, morgen im Pfarrhaus, übermorgen im Chausseegraben, gerade wie sichs trifft!" Wurde der Mann da bös! „Das ischt mir ein Pfarrer", knurrte er und ging weiter. Mit seinem „stationiert", wollte er wahrscheinlich wissen, wo ich als Pfarrer angestellt sei. Na, es war nicht bös gemeint.
Der Pfarrer in Niederzeuzheim bot mir freundlichst Nachtquartier an. Meine Kräfte nahmen zusehends ab. Zwölf ganze Stunden hatte der Tagesmarsch gedauert. [S. 36] Dazu eine allesversengende Hitze und zehn todkranke Zehen! Ich hätte annehmen sollen.
Nach meinem Reiseplan mußte ich aber immer noch weiter — Thalheim war das nächste Ziel. Die Nacht brach an. Kein einziger Metzer war zu Hause. Etwas entnervt und nicht gerade in der rosigsten Stimmung, ausgehungert wie ein Wüstenkamel, verließ ich das Pfarrhaus um acht Uhr und lenkte meine Schritte gegen Frickhofen. Ein Fußweg führte mich auf Stoppelfelder und immer wieder auf Stoppelfelder; ganz oben, scheinbar auf einem Berg, brannten Lichter. Wo war ich? Verirrt.
Der Magen murrte, die Zehen schmerzten, mein ganzer Körper wollte streiken. Kalter Schweiß perlte auf der Stirn, in den Ohren brauste es, Vorboten einer heranschleichenden Ohnmacht. Wenn mich die Beinen nicht weitertragen, werde ich krank — Lungenentzündung — hier in der Fremde — warum auch soviel an einem Tag ?
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden.
Die Taschenlampe befunkelte das Zifferblatt — alle Wetter! halb zehn vorbei. Brennt das Licht noch dort oben? Ja, die müden Augen erspähten es. Nun aber schnell voran! Leicht gedacht, schwer vollbracht! Wie ein Zentner hing es an den Beinen. Endlich einige Häuser, sogar Männerstimmen. „Guten Abend! Wo bin ich hier?" — „In Dorndorf". — „In Dorndorf? Ah, hier sind auch Metzer?" — „Jawohl". — „Wohnt ein katholischer Pfarrer hier?" — „Jawohl! Er ist aber eingezogen". — »Ich bin ein Geistlicher aus Metz. Könnte ich in einer Wirtschaft übernachten?" Und wir schritten zusammen durch das kleine Dorf. Da die Verwandten des Pfarrers noch Licht hatten, sprach ich vor und erhielt für den kommenden Tag Meßwein. Wegen Reparaturen im Pfarrhaus war kein Zimmer frei. In der Wirtschaft betrachtete mich der Hausherr mit scharfem Auge; Angst verriet der Blick der Frau. Auch die Gäste musterten den fremden Herrn nicht gerade mit freundlicher Miene. Kein Wunder! Kam da in der Nacht ein Fremder förmlich hereingeschneit, staubig, bleich, hinkend — und will Pfarrer in Metz sein? „Bitte, ein Glas Cognak". Ich fröstelte. Wenn's nur keine Lungenentzündung absetzt! War der Cognak ohne Kraft und Feuer! Davon hätte der gewissenhafteste Abstinent skrupellos einen Eimer voll trinken dürfen! „Könnte ich vielleicht hier übernachten?" Schaute mich der Wirt gestreng an. Nicht ja, nicht nein! Kein [S. 37] Zweifel, die sehen mich für einen Spion an. Es ist ja Krieg. „Nur keine Angst! Hier sind Ausweispapiere! Sie haben recht, Vorsicht walten zu lassen". Niemand berührte meine Papiere. „Sie wollen ein Geistlicher aus Metz sein?" fragte ein Gast. „Dort tragen doch die Pfarrer andere Kleider". — „Gewiß, aber in einem so langen Rock kann ich nicht in dieser Gegend herumreisen". — „Können Sie französisch?" — „Natürlich. Seit vier Jahren predige ich französisch". — Dans quelle paroisse êtes-vous à Metz?" Das war ein Metzer selbst, der mir diese Fragen stellte. Noch einige Fragen und Antworten, und wir waren gute Freunde. Dem Wirt, besonders seiner Frau fiel die Angst sichtbar aus den besorgten Augen. Am andern Morgen entschuldigten sich die guten Leute. Sie hatten's gewiß nicht bös gemeint. Abends war mir Dorndorf ein spitzer, fast gefährlicher Dorn, in der Nacht ein sanftes Ruhekissen, tags drauf ein wahres Paradies. Alle Metzer wohnten der Hl. Messe bei, wohl alle beichteten und kommunizierten, viele begleiteten mich bis Frickhofen. Es war dies einer der schönsten Tage der ganzen Reise.
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| Empfohlene Zitierweise: | „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 910: Über Ober- und Niederzeuzheim nach Frickhofen“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-22> (aufgerufen am 08.05.2026) |
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