Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 21: Fahrt durch den Odenwald und Rückfahrt nach Dillenburg

[106-107] Mit dem nächsten Zug durchfuhren wir dann den Krähbergtunnel1 nach Hetzbach und von dort brachte uns das Kleinbähnchen nach dem hoch gelegenen Beerfelden2. Wir tranken einen Schluck an der mitten im Ort liegenden gefassten Mümlingquelle, besichtigten oberhalb Beerfeldens einen echten uralten Galgen und marschierten dann südwestlich in der Richtung auf Schönmattenwaag3 zu, wo unser nächstes Nachtquartier sein sollte. Doch diesmal erreichten wir unser Ziel [S. 107] nicht, denn ein ausbrechendes Gewitter mit heftigem Regen zwang uns im ersten Dörfchen, Oberfinkenbach4, ein schützendes Dach in einem Bauernhof zu suchen. Grävenstein hatte zwar ein Schirm bei sich, doch ich weiß nicht mehr, war ihm das Malheur schon vorher passiert, oder brach der Wind ihm den Schirm entzwei – kurz, er hatte einen Schirm ohne Stiel und konnte damit nicht viel anfangen, hat ihn aber trotzdem pietätvoll mit nach Hause genommen, wo er ihn vielleicht heute noch aufbewahrt als Andenken. Als der Regen endlich aufhörte, waren die Wege derart grundlos geworden, dass wir auf dem Marsch durch den Wald nach Schönmattenwaag verzichteten, vielmehr in Unterfinkenbach5 einkehrten. Das Gasthaus war gleichzeitig Posthilfsstelle. Wir wurden aufs beste bewirtet mit einem Rumpsteak, was sowohl an Qualität als auch Quantität erstklassig war. Auch das Bier war gut und frisch, sodaß wir uns mit dem Regen sehr bald aussöhnten. Der nächste Tag war für Heidelberg bestimmt. Um so früh wie möglich hinzukommen, fuhren wir mit dem fahrenden Briefträger morgens durch das Finkenbachthal hinunter nach Hirschhorn6 und von dort mit der Bahn nach Heidelberg. Als wir jedoch den Bahnhof verlassen wollten, begann der Regen aufs neue und zwar so eine Art Landregen, der keine Hoffnung auf baldiges Aufhören bot. Hartnäckig waren wir nicht, schickten uns vielmehr in die Verhältnisse und bestiegen kurz entschlossen den nächsten Zug nach Frankfurt, um nachhause zu reisen. Auf Station Langen7 jenseits Darmstadt verließ uns Meckel, um der Familie seiner Frau, die von hier stammte, einen Besuch abzustatten, und so waren wir dann nur noch zu zweien, kamen aber spät abends wohlbehalten in Dillenburg an. Wenn auch die Tour nicht ganz bis zu Ende hatte geführt werden können, so hat sie doch für alle Zeiten recht angenehme Erinnerungen hinterlassen.


  1. Tunnel der Odenwaldbahn zwischen den Bahnhöfen Hetzbach und Eberbach.
  2. Gemeinde im südlichen Odenwaldkreis
  3. Schönmattenwag, Gemeinde Wald-Michelbach, Landkreis Bergstraße.
  4. Ober-Finkenbach, Gemeinde Rothenbergen, Odenwaldkreis
  5. Unterfinkenbach, Gemeinde Rothenbergen, Odenwaldkreis.
  6. Kleinstadt am Neckar, Kreis Bergstraße.
  7. Stadt im Kreis Offenbach zwischen Darmstadt und Frankfurt.

Empfohlene Zitierweise: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 39: Fahrt durch den Odenwald und Rückfahrt nach Dillenburg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-21> (aufgerufen am 06.05.2026)