Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Gesellschaftliche Kontakte in Dillenburg
- Kegelclub Dillenburger Honoratioren
- Kontakt zur Familie des Ingenieurs Thiele in Dillenburg
- Entwicklung in der Familie Merkel, Erkrankung der Frau
- Wanderung über den Westerwald nach Koblenz
- Wanderung und Fahrt entlang der Mosel
- Wanderung durch die Eifel nach Daun
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 12: Entwicklung in der Familie Merkel, Erkrankung der Frau
◀ [97-98] In unserer Familie hatte sich unterdessen auch allerhand zugetragen. Erna war noch [ein](?) Jahr in die Stadtschule1 gegangen und dann Ostern 1913 in die höhere Mädchenschule eingetreten, die sie ohne Zwischenfall absolvierte, bis ich Dillenburg verließ. Erich wurde an demselben Ostertermin 1913 in die Stadtschule aufgenommen, machte aber nur mäßige Fortschritte. 1916 ließ ich ihn deshalb noch nicht zur Aufnahmeprüfung ins Gymnasium gehen. Erst 1917 versuchte ich es mit ihm, aber ohne Erfolg. Da schickte ich ihn Ostern 1918 auf die Realschule nach Herborn, wo er in die Sexta aufgenommen wurde. Orthographie war seine schwächste Seite; was er sich auf diesem Gebiet leistete, war erstaunlich. Ich schreibe das dem Umstand zu, dass Frl. Ferreau, seine erste Deutschlehrerin, Rechtschreibung auf Grund der phonetischen Methode lehrte, die ich für ein so schlecht sprechendes Volk wie die Nassauer sind, für vollständig unbrauchbar halte. Ich erblicke für Süd- und Mitteldeutschland das Heil allein in der optischen Methode durch Einprägung der Wortbilder.
Eine erhebliche Störung unseres Haushaltes trat im Herbst 1913 ein. Maria hatte schon seit Jahren über heftige Leibschmerzen geklagt. Das nahm in Dillenburg so zu, dass ich nicht anders konnte, als mit ihr zum Arzt zu gehen. Nach einem heftigen Anfall reiste ich mit ihr nach Steinbrücken2 zu Dr. Neuschäfer. Wir trafen nur dessen Schwiegersohn u. Assistenten Dr. Schäfer. Derselbe erklärte nach eingehender Untersuchung, es sei eine Konsultation bei Prof. Dr. Opitz3 von der Frauenklinik in Giessen nötig. Er gab uns ein Schreiben für diesen mit, und wir reisten unmittelbar von Steinbrücken nach [S. 98] Giessen. Prof. Opitz hielt nach einer sofort vorgenommenen Untersuchung eine Operation für unerlässlich und behielt Maria gleich da. Nach 3 Tagen, am Nov. 1913 fand die Operation statt, die nach dem späteren Bericht von Prof. Opitz eine sehr schwere war, da umfangreiche Verwachsungen vorlagen, sodaß eine vollständige Entfernung wichtiger Organe notwendig war. Trotzdem überstand Maria die Sache gut, und nach 5 Wochen, kurz vor Weihnachten konnte ich sie als Rekonvaleszentin wieder nachhause holen.
Wir hatten als Hilfe in unserem Haushalt bei unserem Umzug nach Dillenburg zunächst Röschen Wetz, die Nichte von Tante Pauline in Offenbach
Am 4. April 1913 war in Herborn im Krankenhaus der Bürgermeister Franck von Gustenhain4, der als Bruder der Großmutter Marias väterlicherseits, mit uns verwandt war, gestorben. Daraus entwickelte sich eine lange Erbschaftsauseinandersetzung, die viel Schreiberei verursachte, schließlich aber doch nur einige hundert Mark einbrachte, nachdem die Verhandlungen ein ganzes Jahr gedauert hatten.
Im Sommer 1914 reiste Maria, nachdem wir umgezogen waren nach der Baumgartenstraße, nach Leipzig, um sich dort zu erholen durch einen mehrwöchentlichen Aufenthalt. Darüber wurde sie vom Kriegsausbruch überrascht, sodaß es schwer hielt, sie rechtzeitig wieder nachhause zu bringen. Davon mag später erzählt werden. ▶
- Die Grund- oder Volksschule wurde in Dillenburg die "Stadtschule" genannt. ↑
- Steinbrücken, heute Gemeinde Dietzhölztal, Lahn-Dill.Kreis. ↑
- Erich Carl Otto Opitz (1871-1926), 1912-1918 Professor für Gynäkologie an der Universität Gießen. ↑
- Gusternhain, heute Gemeinde Breitscheid, Lahn-Dill-Kreis. ↑
| Empfohlene Zitierweise: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 30: Entwicklung in der Familie Merkel, Erkrankung der Frau“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-12> (aufgerufen am 07.05.2026) |
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