Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
Bitte beachten Sie: LAGIS hat eine neue Adresse: lagis.hessen.de. Für eine Übergangszeit stehen Ihnen ausgewählte Module über die bekannte Oberfläche zur Verfügung. Alle anderen sind über die neue Version des Informationssystems zugänglich. Bestehende Permalinks behalten ihre Gültigkeit und leiten bereits jetzt oder nach Abschluss aller Migrationsarbeiten automatisch auf das neue System um.

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 23: Besuch der Metzer in Frickhofen und Mensfelden

[37-38] In Frickhofen Hausbesuche bis gegen Mittag. Einige israelitischen Familien trugen Beschwerden vor, die weitergegeben wurden. Der katholische Pfarrer hatte zwei protestantische Kinder aufgenommen, die vergnügt gerade zur Rechten und Linken des Priestergreises zu Tisch saßen.

Der Zug brachte mich gegen halb zwei nach Limburg, wo ich seit Sonntag zum erstenmal wieder ein warmes Mittagessen bekam. Zwei Ruhestunden gönnte ich mir. Nach einem Besuch in dem Antiquariat der Gebrüder Steffen und in der Missionsanstalt der Pallotiner mußte nochmals an die Weiterreise gedacht werden. In drei Dörfern waren nach den Angaben des Herrn Landrates nur Protestanten untergebracht. Fünf volle Stunden strammen Fußmarsches würde mich dieser Besuch kosten. Müdigkeit hin, Müdigkeit her, ob katholisch oder protestantisch — die Leute werden sich gewiß freuen.

In Linter, Hausbesuche. Lauter fremde Gesichter. Empfang ziemlich kalt.

In Mensfelden herrschte größere Freude. Einige kannten mich. Nach dem Besuche im protestantischen Pfarrhaus wollte ich nach Kirberg marschieren, war aber vor Müdigkeit wie gelähmt. [S. 38]

So beschloß ich, die Nacht hier zu verbringen. Ein köstlicher Zwischenfall erheiterte mir den Abend. Nach meinen Notizen suchte eine Frau H., die in R. wohnte, ihren Mann. Beide hatten sich auf dem Metzer Bahnhof bei der Abreise verloren. H. wohnte in Mensfelden. Gerade war er mit Heuabladen beschäftigt. „Herr H., eine freudige Nachricht!" Er guckte mich frostig kalt an. „Ich habe Ihre Frau unterwegs gefunden!" Stirnerunzeln, essigsaures Gesicht. „Meine Frau," kam es langsam und gedehnt von den Lippen, „von der will ich nichts mehr wissen! …“ Das wirkte wie ein Kneippscher kalter Blitzguß auf mich. „Meine Frau ... die ist …mir… unterwegs durchgebrannt..., ich will nichts... mehr... von ihr wissen". Und seelenruhig arbeitete er weiter. „Aber nein, Ihre Frau ist Ihnen nicht durchgebrannt, sie ..." „Ich will nichts mehr von ihr wissen..." Eine wegweisende Handbewegung. Nur mühevoll gelang es meiner Überredungskunst, das Mißverständnis aufzuklären. Die arme Frau hatte so bitter bei mir geweint. Sie erhielt eine Postkarte. Jedenfalls haben sich beide wieder ausgesöhnt, denn ich traf sie später in Metz, ein Herz und eine Seele im frohen Familienkreise. —

Trotz meiner lähmenden Müdigkeit wollte der stärkende Schlaf mich der rauhen Wirklichkeit nicht entrücken. Das Bett war aber auch schlecht, entweder war es zwanzig Zentimeter zu kurz oder ich zwanzig Zentimeter zu lang. Meine verwundeten Zehen guckten vorwitzig aus den Bettdecken hinaus. Dann die Schnaken! Die hatten es besonders auf uns Lothringer abgesehen. Leute traf ich an, deren Hände und Gesichter nur mehr einer Wunde glichen. Mir erging es nicht gerade so schlimm, aber doch nicht sehr gut.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 23: Besuch der Metzer in Frickhofen und Mensfelden“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-23> (aufgerufen am 08.05.2026)