Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915

Abschnitt 21: Besuch in Faulbach, Ahlbach und Oberweyer

[34-35] In Faulbach wohnten einige Leute aus der Vinzenzpfarrei. Bereits um zehn Uhr herrschte eine wahre Siedehitze. Da in Ahlbach nur wenig Metzer untergebracht waren, besuchte ich sie in den Häusern. Der gemütliche Herr Pfarrer bot mir einen Imbiß an, dann ging's nach Niederweyer. Die Sonne brannte entsetzlich. Erschöpft betrat ich ein Bauernhaus. Ein Metzer Kind trommelte die Leute zusammen. Die helle Freude, die den Verbannten bei meinem Anblick aus den Augen leuchtete, behob die Müdigkeit. Alle waren mir persönlich bekannt, hatten wir uns doch so oft in der Untersaalstraße gesehen. Auch einige Bauern lauschten meinen Worten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Dorf die Nachricht meiner Ankunft. Aus allen Fenstern lugten vorwitzige Augen. Ein gutes Mütterchen gab mir zwei schöne Apfel mit auf den Weg. Hatte sie mich vielleicht am morgen „belauscht" als ich deren im Straßengraben auflas?

In Oberweyer hielten wir unsere Versammlung vor einer großen Dreschmaschine ab, die mitten im Dorf stand. Die Arbeit wurde eingestellt. Viele Zuhörer gruppierten sich um den Metzer Kaplan. Eine ganze Stunde dauerte das Plaudern. Beim Abschied wollte das Händedrücken kein Ende nehmen. „Da habt Ihr Metzer mal einen freundlichen „Här", der von so weit herkommt, um seine Pfarrkinder zu sehen", meinten einige Eingeborene. [S. 35]

Alte Schülerinnen begleiteten mich bis Steinbach. Sie erzählten mir ihre Kriegserlebnisse. Während in der Dorfkneipe ein Gläsel „warmes" Bier vergeblich meinen Durst zu löschen suchte, fanden sich die Metzer vor einer Kapelle ein. Auch viele Einheimische gesellten sich hinzu. Immer wieder das nämliche Bild: Große Freude, vorwitzige Fragen, rührender Abschied.

Auf dem Weg nach Oberzeuzheim nahm mich ein kühler Wald auf. Eine starke Versuchung quälte den schweißtriefenden Kaplan. Ich dachte an Uhlands Gedicht:

Bei einem Wirte wundermild
Da war ich jüngst zu Gaste;
Ein goldner Apfel war sein Schild
An einem langen Aste.

Nun war es nicht gerade ein Apfelbaum, der mich so freundlich einlud. Die Buche oder Eiche tat mir denselben Dienst. Und da lag ich in dem kühlen Schatten; Schuhe und Strümpfe waren ausgezogen, o, die armen Zehen! Es tat einem wirklich im Herzen leid, die armen, zerschundenen Dinger nur anzusehen. Besonders die kleinste am rechten Fuß, schwer verwundet, wie sie war, lehnte sich in ihrer Hilflosigkeit Schutz suchend an ihre größere Schwester an. Und sie selbst und alle andern neun Geschwister lagen krank, teilweise schwer krank danieder. Trotz des Limburger „Hühneraugen tot" konnte man eine baldige Genesung kaum erwarten.


Empfohlene Zitierweise: „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 21: Besuch in Faulbach, Ahlbach und Oberweyer“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-21> (aufgerufen am 08.05.2026)