Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Die Situation in Metz zu Beginn des Krieges 1914
- ...
- Abschnitt 13
- Abschnitt 14
- Besuch im Kreis Homburg vor der Höhe
- Mühevolle Fahrt über Frankfurt nach Bad Homburg
- Besuch bei Metzern im Kreis Friedberg
- Besuch in den Orten des Kreises Friedberg
- Besuch in Limburg, Staffel, Elz und Offheim
- ...
- Sorge um zurückgebliebene Metzer
↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915
Abschnitt 16: Mühevolle Fahrt über Frankfurt nach Bad Homburg
◀ [26-27] Wartezeit am Bahnhof zwei Stunden, Fahrt volle zwölf Stunden. Am 3. September kam ich gegen Mittag in Frankfurt an, von wo die Reise per Straßenbahn sofort nach Bad Homburg v. d. Höhe weitergesetzt wurde. Ein katholisches Schwesternheim bot mir Wohnung und Kost an. Auf dem Landratsamt erhoffte ich, die Adresse von 4.000 Metzern zu finden, hörte aber zu meinem größten Erstaunen, daß nur 29 angekommen wären. Hier hatte man die Tausende erwartet, die in Cassel als unwillkommene Gäste begrüßt worden waren. Von drei bis sieben Uhr Hausbesuche! Welch eine Freude! Ein siebzigjähriges Mütterchen aus der Metzgerstraße weinte vor Jubel, als ich ihr mitteilte, daß ihr Mann in Cassel sei. Beide hatten sich auf dem Metzer Bahnhof verloren, sind, wie manch andere, in verschiedene Züge geraten und so voneinander getrennt worden. Der gute Alte hatte mir in Cassel so warm ans Herz gelegt, mich doch ja nach seiner andern Hälfte umzuschauen. Und so schnell war sie gefunden worden! Eiligst wurde eine Karte geschrieben. Wie wird er sich freuen! In drei, vier Tagen konnte er in Homburg v. d. Höhe sein. Zwei Monate später erfuhr ich in Metz, daß mein Schreiben nicht angekommen war. So feierten sie das freudige Wiedersehen erst nach unserer Rückkehr in Metz.
In einem großen Lokal wohnten acht Männer, die bitterlich jammerten, daß sie nicht französisch zu sprechen wagten. Jeder erhielt ein Glas Bier, das sie sichtlich mehr tröstete, als meine ermunternden und ermahnenden Worte.
Zufällig traf ich hier eines meiner Metzer Mündel. Ich weiß nicht, wer von uns beiden am meisten staunte, sie oder ich. Wir konnten uns nie recht gut verstehen. [S. 27] Sie war mir zu leichtsinnig und ich ihr zu streng. Ermahnungen, Drohungen, alles umsonst — schließlich landete sie als Zwangszögling im Kloster „zum guten Hirten". Beschämt gestand sie mir ein, daß sie aus der Anstalt entflohen und mit den Metzern abgereist sei. Da ihr hier die besten Zeugnisse ausgestellt wurden, stellte ich ihr, im Falle ernster Besserung, volle Freiheit, nach der Rückkehr, in Aussicht. Aber schon drei Monate später brachte die Metzer Polizei das leichtfertige Mädchen „in des Klosters stille Räume" zurück.
Am folgenden Tag redete mich auf dem Weg zum Bahnhof ein junger Mann an: „Sind Sie der Metzer Kaplan?" — „Jawohl!" — „Ach, eine Bitte. Ich heiße X, wohne am Deutschen Tor. Kurz vor dem Krieg mußte ich eine Lungenheilanstalt aufsuchen. Als die Kunde von der Metzer Abwanderung in die Zeitungen drang, eilte ich in meine Vaterstadt zurück, — meine Frau und Kinder waren bereits abgereist. Schon acht Tage lang suche ich sie vergeblich".
Nach einer Woche erhielt der Herr eine Karte des Inhalts: „Frau und Kinder sind in X, bei Limburg an der Lahn". —
Bad Homburg vor der Höhe ist ein weltberühmter Badeort, wo jährlich etwa 15.000 Kurgäste verkehren. Unsere Metzer haben sicherlich das schöne Kurhaus, das königliche Schloß mit seinem fünfzig Meter hohen Turm und die alte Saalburg bewundert. ▶
| Empfohlene Zitierweise: | „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 16: Mühevolle Fahrt über Frankfurt nach Bad Homburg“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-16> (aufgerufen am 08.05.2026) |
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