Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
↑ Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915
Abschnitt 15: Besuch im Kreis Homburg vor der Höhe
◀ [24-26] Im Kreis Homburg vor der Höhe.
12.000 Metzer waren abgereist. Wo kamen die übrigen 8.000 hin? Nach den Angaben des Herrn Oberregierungspräsidenten haben die Kreise Homburg vor der Höhe, Friedberg, Limburg, Diez, Langenschwalbach, St. Goarshausen und vielleicht Wetzlar, Metzer Abwanderen Obdach gewährt. Folgendes Empfehlungsschreiben leistete mir auf der Reise unbezahlbare Dienste.
Königl. Preuß.
Oberpräsidium Cassel.
Der Inhaber dieses, Vikar Franz Goldschmitt aus Metz, ist von der bischöflichen Behörde und der städtischen Verwaltung in Metz beauftragt, sich der Abwanderer aus Metz im einzelnen anzunehmen, sie zu beraten, den Behörden über sie Auskunft zu erteilen u. s. w. Die Behörden der Provinz Hessen-Nassau werden hierdurch ersucht, ihn bei der Wahrnehmung seiner Obliegenheiten in jeder Weise zu unterstützen und alle ihnen etwa erwünschten Auskünfte über die in ihrem Bereiche untergebrachten Abwanderer von ihm heranzuziehen.
Cassel, den 27. August 1914.
i. V.: gez.: Dijes.
Von Frankfurt aus sollte die Reise angetreten werden. Aber wie nach Frankfurt kommen, da der Personenverkehr auf der Strecke Cassel-Gießen gesperrt war? Der Bahnhofskommandant von Wilhelmshöhe konnte vielleicht Auskunft geben. [S. 25]
Herr Polizeikommissar Janocha führte mich zu einem Herrn Major, der mir den Rat erteilte, wieder in Cassel beim Oberbahnhofsvorsteher Erkundigungen einzuholen. Eine Nottrauung auf dem Bahnhof selbst verscheuchte für den Augenblick meinen Unwillen. Aus dem Zug stieg ein Feldgrauer. Die glückliche Braut hatte ihn bereits erwartet. In aller Kürze nahm ein Standesbeamter und ein Geistlicher die Trauung vor. Nach knapp einer Viertelstunde saß der Bräutigam wieder im Abteil, ein Pfiff und der Zug sauste dahin — den Masurischen Sümpfen entgegen. Tränenfeuchten Auges schaute die Braut den rollenden Wagen nach — werden sich beide je Wiedersehen? — Ja, „Der Krieg ist schrecklich wie des Himmels Plagen".
Nach vielem Hin- und Herlaufen konnte ich mit Sicherheit erfahren, daß nach Mitternacht ein Zug von Guntershausen über Fulda nach Frankfurt fahre. Dieses Städtchen liegt etwa zehn Kilometer von Cassel entfernt. Weder Wagen noch Auto war auszutreiben. Schusters Rappen mußte demnach angespannt werden. Ein schwarzer Frack und Zylinderhut traten an die Stelle der langen Soutane und des französischen Pfarrerhutes, der Koffer wurde gepackt, möglichst leicht. Um sechs Uhr brachte mich die Straßenbahn nach Niederzwehren. Trotz meiner äußern Umwandlung erkannte mich eine Metzerin, die mir unter Tränen erzählte, daß ihr einziges sieben jähriges Kind im Sterben läge. Gesund hatte es Metz verlassen und mußte nun in der Fremde sterben. Tags zuvor sind schon zwei Metzer Kinder in Cassel beerdigt worden.
Gegen sieben Uhr führte mich eine breite Heeresstraße in einen dunklen Wald. Es ist Krieg. Allerhand Gesindel läuft umher. Gerade manche Metzer Elemente konnten gefährlich werden. Wenn ich da überfallen würde? Fast tausend Mark lagen in der Geldtasche wohlverborgen — die einzige Verteidigungswaffe: ein baufälliger Regenschirm. Gerade als solche Gedanken durch mein Hirn zuckten, drang verdächtiges Geräusch an mein Ohr. Ich blieb stehen und spähte... Dort hinter jenen: Baum — kein Zweifel — stand jemand, kaum fünf Meter vom Weg entfernt. Ein Wegelagerer! Gott, das viele Geld! Ein Angstmeier bin ich gerade nicht, konnte aber eine gewisse Aufregung kaum verbergen. Den Blick scharf auf den Baum gerichtet, schritt ich langsam voran. Das Laub raschelte... Zwei, ja [S. 26] drei Personen — lauter Weiber! Na, mit denen werde ich schon fertig! „Was wollen Sie?" — „Nichts, nichts, wir haben Angst... wir, wir gehen nach Guntershausen zum Bahnhof". Erleichtert atmete ich auf.
Die Frauen erzählten mir ihre Lebensschicksale. Die eine war aus Schmalkalden, die beiden andern aus der Frankfurter Gegend. Ihre Männer lagen verwundet in den Casseler Lazaretten. Zwei volle Stunden schritten wir langsam dahin. Gerade als meine elektrische Taschenlampe einen Wegweiser beleuchtete, kam ein Auto heran gesaust. Es hielt an, der Führer erkundigte sich nach unserm Reiseziel, lud uns gleich auf — in einigen Minuten waren die beiden legten Kilometer zurückgelegt. ▶
| Empfohlene Zitierweise: | „Franz Goldschmitt, Kriegserlebnisse evakuierter Metzer Bürger in Hessen, 1914-1915, Abschnitt 15: Besuch im Kreis Homburg vor der Höhe“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/99-15> (aufgerufen am 08.05.2026) |
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