Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Quartier im Dorf Druzykowa
- Jüdische Bewohner im Städtchen Pilica
- Schwierigkeiten wegen Druck eines Feldpostbriefes
- Vormarsch bis in schlesische Kohlenrevier
- Verladung bis zum Bahnhof Schildberg
- Marsch über Brzeziny nach Blaschki
- Unterkunft in einem alten russischen Gefängnis
- Kriegsalltag in der Etappe
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 53: Marsch über Brzeziny nach Blaschki
◀ [136-137] Es wurde aber immer deutlicher, dass die Sache diesmal für uns doch ernster werden sollte. Erstens wurde befohlen, dass alle Hunde, deren Dutzende mit den Truppen liefen, erschossen werden müßten. Zweitens wurden Krankenträger ausgesucht. Da ich in Dillenburg einen Sanitätskursus mitgemacht hatte, meldete ich mich. Doch Kleft wies mich zurück. Er könne nur Handwerker gebrauchen.
Unser Marsch dauerte heute nicht lange. In dem Kirchdörfchen Brzeziny bezogen wir Quartier. Hier fanden wir wieder einen Polen, der in [S. 137] Deutschland gearbeitet hatte und mit dem wir uns verständigen konnten. Der Pfarramtskandidat Reich hatte dem Ortspfarrer einen Besuch abgestattet und brachte mir nachher die drollige Nachricht, dass der Pfarrer Merkel hieße. Hier i n Brzeziny durchmusterte ich mein Gepäck, ob nicht irgendetwas entbehrlicher dabei sei. Ich verbrannte unter anderem einen Belgienführer, der noch immer meinen Tornister beschwerte, und für den ich nun einmal keine Verwendung haben sollte. Auch die vielen Briefe, die sich angehäuft hatten, drückten auf das Gewicht des Tornisters, doch konnte ich es nicht übers Herz bringen, auch nur den geringsten Zettel zu verbrennen.
Immer durch Sand und wieder durch Sand ging auch der kurze Weg des folgenden Tages, der in Blaszki(?) endete. Hier war wieder ein größeres Städtchen. Unser Quartier war bei einem Juden. Der war in doppelter Hinsicht unangenehm. Einmal war es bei den Juden immer am schmutzigsten, zum andern konnte man nie ein Kochgeschirr bekommen, wenn man sich etwas kochen wollte mit Schweinefett oder dgl. Viel Kochbrühe bekam ich auch nicht, denn die Reihe der Pferdewachen war an mir. Nach dem Pferdediebstahl in Wodzirlaw(?) war diese eingerichtet worden. Der betreffende Wächter mußte alle 2 Stunden den Pferdestall visitieren. Da hier in Blaschki die Pferde zerstreut standen, ging jedes Mal eine halbe Stunde darauf. Dazu schneite es und so ging ich denn bei dem scheußlichen Wetter alle 2 Stunden von Stall zu Stall, in der einen Hand die Laterne u. in der anderen den Revolver, das Gewehr, über der Schulter und dachte „ o wäre die Geschichte doch zu Ende“!
Aus Blaschki marschierten wir bei guter Zeit ab. Auf dem Marktplatz, einem idealen Tummelplatz für Schweine, trat die Kompagnie an/ „Wehrmann Thielmann“! rief der Feldwebel/ „Hier!“ antwortete ebenso laut aus dem 2/ Glied eine schwarzbärtige Kriegsgestalt, die noch vor 4 Monaten im Fleißbacher Feld friedlich hinter dem Pflug hermarschiert war und jetzt seine wund gelaufenen Füße nicht recht mit seinen kriegerischen Gedanken in Einklang zu bringen wußte und in den letzten Tagen manchen schweren Seufzer getan hatte bei den Märschen durch die polnischen Sandstraßen/ „Sie bleiben hier und melden sich bei dem Unteroffizier Scharfe der 3. Kompagnie als Posthilfe. Dort in dem Eckhaus ist die Poststelle/ Verstanden?“ „Zu Befehl, Herr Feldwebel,“ knurrte mit schlecht verhaltener Befriedigung Thielmann und humpelte, soweit es seine kranken Untertanen erlaubten, nach dem bezeichneten Gebäude. Und nun, Donnerwetter, Jungens, beinahe hätten wir unser Morgenlied vergessen. Unteroffizier Marquardt, der Vize – Feldwebel Dachwitz, den Ton! Morgenrot, Morgenrot!“ Und wie immer frisch und begeistert, fielen die 30 – 40 jährigen Jungens in das begonnene Lied ein, und die neugierigen Juden mit Ihren langen schmierigen Kaftans bemühten sich sichtlich, recht viel vom Text u. Melodie zu erhaschen.
Nun, so will ich wacker streiten und sollt ich den Tod erleiden, stirbt ein braver Landwachtmann. Schwer und ernst verhallte der letzte Vers. Wer wird wohl der erste Landwehrmann sein, der den Liedschluß wahr macht! Doch es ist keine Zeit zum Grübeln; „Stillgestanden! „ Die Augen rechts!“ Und schon steht Kleft in strammer Haltung vor dem Kompagnieführer, der soeben durch den Morast gewatet kommt, und meldet die Kompagnie. Da setzt sich auch schon die 1. Kompagnie jenseits des Platzes in Bewegung, und die 2. schließt sich an. Ein feines Schneetreiben setzt ein, das immer dichter wird und schließlich einen feinen weißen Schleier über die sandigen Felder legt.
Ich weiß nicht mehr, ob wir „Muß ich denn zum Städtele hinaus“ gesungen haben, aber jedenfalls hat keiner hier in Blaschki einen Schatz zurück gelassen; sogar für polnische Verhältnisse waren die jungen Töchter reichlich schmutzig gewesen. Das Wetter klärte sich bald, und der Marsch ging in gewohnter Weise, diesmal über etwas bessere Wege dem Wartatale zu; „Radfahrer an die Spitze!“ Und schon flitzte der lange Weyershausen aus Eibach und der blondbärtige Kompagniekoch Heßler, der in Friedenszeiten in der Küche des Frankfurter Hofes Gänseleberpasteten schuf, jetzt aber Jagd auf Russen machen sollte, an die Spitze. Der dritte also sah den Radlern verdrießlich nach. Er hatte in Kattowitz sein Rad gestohlen bekommen und mußte nun tippeln. Der Marsch dauerte heute nicht lange. ▶
| Empfohlene Zitierweise: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 53: Marsch über Brzeziny nach Blaschki“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-53> (aufgerufen am 06.05.2026) |
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