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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 50: Schwierigkeiten wegen Druck eines Feldpostbriefes

[133-134] Es war schon dämmerig, als wir endlich am Abend des 3. Nov. wieder die Laf(?) erreichten u. zwar an den Station Rabsztyn (Rabstein) zwischen Olkusz und Wolbrom, wo wir gerade vor einem Monat landeinwärts gefahren waren. Wir wurden untergebracht in einer Bahnbeamtenwohnung im 1. Stock, wo wir Schreibzimmer, Küche und Schlafzimmer hatten. EtFeldwebelwa ¼ Stunde von der Station entfernt lag eine große Fabrik, in deren Kantine man Lebensmittel aller Art kaufen konnte. Einmal war ich da, nachher wurde mir alles verleidet durch einen Zwischenfall, der mir einen schweren Tag verursacht hat.

Es war am 5. Nov. als mich der Feldwebel morgens im Schreibzimmer empfing mit den Worten, seit wann ich Zeitungsreporter geworden sei. Als ich ihn um nähere Auskunft bat, hielt er mir ein Blatt der Dillzeitung unter die Nase, in welchem ein Brief, den ich an Rektor Grävenstein geschrieben hatte, abgedruckt war und zwar mit meiner vollständigen Namensunterschrift. Ich wußte von dieser Veröffentlichung nichts, hatte sie auch nicht gebilligt oder gar veranlaßt.

Doch Kleft war verärgert, da ich in dem Brief von unserem Schlachtfest erzählt hatte und er dabei eine unglückliche Rolle gespielt hatte. Auf dem Bataillon wußte man auch schon davon und der Adjudant Schenk drohte mir schon mit Kriegsgericht wegen Verrats militärischer [S. 134] Geheimnisse, da ich verraten hätte, dass wir in Checiny Bahnwache getan hatten. Der Feldwebel machte allerhand ausfallende Vorwürfe, ich durfte mich nicht verteidigen, sondern mußte noch froh sein, als er mich mit Schimpf und Schande als Kompagnieschreiber absetzte und so eine weitere Verfolgung der Sache durch das Bataillon verhinderte. So wurde ich zu der übrigen Mannschaft zurück gestoßen weil ohne mein Wissen oder Willen ein an die Frau oder den Vorgesetzten zuhause gerichteter Brief veröffentlicht worden war.

Als ich an demselben Tage wieder im Außendienst Posten stand, schauten mich alle an, als ob ich Geld gestohlen hätte. Ich schrieb sofort nachhause, dass um Gotteswillen kein Brief von mir veröffentlicht werden sollte. Mein Nachfolger wurde der Predigt(?) Reich. Was mich am meisten ärgerte, war, dass weder der Kompagnieführer noch der Zugführer ein einziges Wort der Frage gefunden hätte, was eigentlich passiert sei. Ich habe geweint vor ohnmächtiger Wut und konnte doch nichts machen. So stieg ich hinunter, legte mich in der Halle unter die anderen Mannschaften und tat meinen Dienst wie die anderen.

Aber den 5. Nov. 1914 werde ich nicht vergessen. Man kann ja nicht wissen, ob es nicht ein Glück war; Aber damals habe ich schwere Stunden durchgemacht. In der Nacht vorher war oberhalb Rabsztyn ein Zug Oesterreicher mit einem Sprengzug zusammengestoßen, wobei ein Wagen Dynamit explodierte, sodass Hunderte von Oesterreicher ihr Leben dabei einbüßten.


Empfohlene Zitierweise: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 50: Schwierigkeiten wegen Druck eines Feldpostbriefes“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-50> (aufgerufen am 05.05.2026)