Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 49: Jüdische Bewohner im Städtchen Pilica

[132-133] Von Pradla ging es wieder nach Süden. Mein Fuß war besser, doch fuhr ich heute noch einmal mit Schmidt, wenn auch das Wetter nach wie vor kalt war. Nach neuer Fahrt kamen wir in das Städtchen Pilica an der Quelle des gleichnamigen Flüsschens. Am Marktplatz stand ein großes Haus mit Ledergeschäft und Wirtschaft und in den hinteren Räumen dieses Hauses belegten wir einen Raum als Schreibstube und einen als Schlafstube.

Kaum hatten wies uns etwas häuslich eingerichtet, da erschien ein Jude, dem die Kompagnie einen Wagen Heu für die Pferde beschlagnahmt hatte und der sich beim Feldwebel das Geld für das Heu holen wollte. Dieser bezahlte natürlich nur den Höchstpreis, der durch die Etappen Kommandatur festgesetzt war. Aber da kam er schön an. Mit einer beängstigenden Zungenfertigkeit setzte er dem Feldwebel auseinander, dass er mehr als die Hälfte bei dem Handel verlöre. Der Wagen voll habe ihm mehr als das Doppelte gekostet. Womit solle er bei solchen Geschäften seine zahlreiche Familie ernähren. Und so ging es eine Viertelstunde lang ohne Unterbrechung fort, bis der Feldwebel, der ruhig die Quittung [S. 133] geschrieben hatte, ihn aufforderte, entweder zu quittieren oder er bekäme gar nichts. Der Jude verließ schimpfend das Zimmer; doch nach kaum 10 Minuten kam ein schweres Geschütz, die Frau des Juden.

Die lag sofort am Boden und küsste dem Feldwebel die Stiefel. Mit gütcher Herr, bester Herr, liebster Herr, mit Schmeicheln und Heulen suchte sie ihn zu einer größeren Zahlung zu bewegen. Ich selbst fing an, Mitleid zu bekommen, der Feldwebel blieb hart und trieb die Frau hinaus. Als nun der Jude zum 2. Mal kam, mußte ihn der Feldwebel mit dem Revolver in der Hand zur Unterschrift und zur Empfangennahme des Geldes zwingen. Ich glaubte bestimmt, dem Mann sei Unrecht geschehen. Doch was beschreibt mein Erstaunen, als nach 5 Minuten derselbe Jude den Kopf zur Tür hinein steckte mit der Frage. „Brauche se Holz? Ich hab einen Wagen voll zu verkaufen/“ .

Der 3/ Nov/ brachte wieder einen langen Marsch, den ich heute zu Fuß mitmachte. Immer nach Süden wendend erreichten wir in der Mittagsstunde eine freie Berghöhe(?), wo wir Rast machten und abkochten. 2 Unterbrechungen sind mir auf diesem Marsch in Erinnerung geblieben. Als wir an dem Pfarrdorf ? vorbei marschierten, dessen Pfarrhaus auf einer Anhöhe lag, war ich gerade im Gespräch mit dem jungen Reich. Der Pfarrer war an die Straße herunter gekommen und wir redebrechten einige französische Worte mit ihm über den Weg. Im Weitergehen haben wir uns dann auseinandergesetzt über den Standesidealismus der Geistlichen, die in einer so tristen Umgebung ganz in ihrem Beruf aufgehen ohne sonstige Zerstreuung.

Später lief mir der Gastwirt Terlenen(?) aus Burg , den ich vorher noch nicht gekannt hatte, in den Weg und wir erzählten uns von den Burger und Herborner Verhältnissen. Reich sowohl auch Terlenen sind beide am 2. Dez. gefallen. Nach der Mittagspause ging es durch sandige Wälder, wobei wir uns auch noch verirrten und einen Umweg von einer Stunde machten. Hier sah ich zum ersten Mal einige polnische Legionäre, die damals uns gute Dienste leisteten, später aber den Deutschen zum Verrat geworden sind.


Empfohlene Zitierweise: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 49: Jüdische Bewohner im Städtchen Pilica“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-49> (aufgerufen am 05.05.2026)