Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
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Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 42: Einzug in die Stadt Kielce

[127-128] Am Freitag, d. 16. Okt. verließen wir Checiny wieder, marschierten nach Tokamia zurück, folgten von dort der Landstraße über das Städtchen Checiny selber, das am Abhang eines ?, der Cerna – Gora liegt und von einer Burgruine gekrönt wurde, bis wir gegen Mittag an die Wegkreuzung von Bialogon kamen, wo wir abkochten und nach dem Essen eine dort liegende große Fabrik landwirtschaftlicher Geräte besichtigten. Die Maschinen des ruhenden Betriebs waren, wie wir feststellten, meist deutsches Fabrikat.

Am frühen Nachmittag zogen wir in Kielce ein, einer Stadt von 40 – 50000 Einwohnern. Wir wurden in einer kleinen Kaserne untergebracht, wo ein Schützenregiment gelegen hatte. Der Hof war unbeschreiblich schmutzig und mußte erst vom Unrat gesäubert werden. Das Erdgeschoß diente als Pferdestall, und im ersten Stock lagen unsere Quartierräume. Der Saal, wo unsere Korporalschaft schlief, war durch einen großen Kamin heizbar, doch das kleine Schreibstübchen war kalt, sodass ich am Samstag schon einen Schnupfen hatte. Gegen Abend machten wir einen Gang durch die Stadt und tranken in einer Wirtsstube ein Glas Bier, das zwar 30 Pfg. kostete und nicht viel wert war, aber doch eine Abwechslung bot.

Kielce war bis dahin schon 2 mal in österreichischer Hand und einmal in deutscher Hand gewesen, aber jedesmal von den Russen wieder genommen worden. Jetzt hatten es die Deutschen zum 2. Mal und mußten es ein Monat später zum 3. Mal erobern. Am Samstag abend brachten wir Major Diekmann, der Geburtstag hatte, ein Ständchen, wofür er am folgenden Sonntag ein großes Faß Bier auflegte. Dieser Sonntag brachte noch eine Neuerung. Es fand zum ersten mal Feldgottesdienst statt und zwar mitten im Kasernenhof durch einen jungen Kandidaten der Theologie, Karl Reich, der als Kriegsfreiwilliger bei uns war. Die eigenartige Umgebung, der Ernst der Zeit und die schlichten Worte des jungen Geistlichen machten einen tiefen Eindruck auf mich.

Unsere Arbeit in Kielce war Garnisonwachtdienst und Beaufsichtigung des Straßenbaus, an dem polnische Juden und Bauern unter Leitung deutscher Wagenmeister arbeiteten. Am Dienstag, d. 20. Okt., hatte ich, da mit längerem Bleiben in Kielce gerechnet wurde, große [S. 128] Wäsche begonnen. 3 Hemden, eine Unterhose, eine Hausjacke, Strümpfe und Taschentücher hatte ich im Brunnentrog des großen Drehbrunnens eingeweicht und war gerade mit der Seife dran, als plötzlich und ganz unerwartet der Befehl zum Abmarsch kam. Ich mußte alles naß in den Tornister stecken und nach dem Mittagessen wurde der Weitermarsch angetreten. An diesem Tag mußte noch ein reichliches Stück Weg zurückgelegt werden, bis wir spät abends bei Laternenlicht in dem kleinen Flecken Mniow Halt machten. Die Bahn hatten wir in nordwestlicher Richtung wieder verlassen.


Empfohlene Zitierweise: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 42: Einzug in die Stadt Kielce“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-42> (aufgerufen am 04.05.2026)