Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Weiterfahrt durch Russisch-Polen
- Erstes Quartier in Miechów
- Unterkunft in Wodzislaw, Vorgehen gegen Pferdedieb
- Marsch nach Andrejew, Biergelage in einer Brauerei
- Versorgung der Truppe, Beschaffung von Petroleum
- Vorrücken bis zum Bahnhof Checiny
- Brief vom 11. Oktober 1914 nach Hause
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 38: Marsch nach Andrejew, Biergelage in einer Brauerei
◀ [122-123] Der heutige Marsch war nicht so weit gewesen. Nach etwa 20 km. hatten wir das Städtchen Anorejew(?) erreicht und Quartier gemacht. Hier wurde ein Ruhetag angesetzt. Der Feldwebel wurde mit mehreren anderen Unteroffizieren in der Wohnung eines Rechtsanwalts einquartiert und bei ihm blieben sein Putzer, der Wachmann Amend aus Rechtenbach, der Koch aus Frankfurt und ich. Der Besitzer des Hauses war geflohen und nun sah es in der Wohnung böse aus. In den Schreibzimmern lagen die Akten auf dem Boden umher, die Schränke waren ausgekramt, und ihr Inhalt auf der Erde zerstreut worden. In der Küche lagen und standen alle Gefäße und Geräte zum Teil benutzt, zum Teil unbenutzt wüst umher. Heßler fing an zu kochen. Das Brennmaterial lieferten Zaunlatten, Gartenbänke und Küchenstühle. Denn der Kohlenkeller war leer und auf dem Boden kniete ein alter Mann und kratzte mit [S. 123] den Fingern die nußgroßen Stückchen zusammen.
Aus dem Papierbestand des Rechtsanwalts ergänzten wir unseren Bedarf an blauem und an bestem weißen russischen Reichspapier. Hier las ich auch vom Boden 4 russische Serviettenringe aus Holz auf, die ich als Kriegsandenken mit nachhause gebracht habe, die einzige Beute, die ich gemopst habe.
Wie ein Lauffeuer ging es plötzlich durch die Reihen der Wehrleute, dass eine Bierbrauerei hier im Ort sei, die auch Bier verkaufe. Im Nu war der ganze Keller voll Krieger-und Kochgeschirren. Ein Kochgeschirr vol Bier kostete 40 Pf. Da wir seit Mainz kein Bier mehr gesehen hatten, tranken wir die Brühe aus dem Kochgeschirr. Ob sie klar oder trüb war, konnte man zum Glück nicht sehen. Der Geschmack war den Umständen entsprechend zufriedenstellend. Im Keller waren aber auch, wie stets bei solchen Gelegenheiten Rowdies, die das Bier umsonst haben wollten und schließlich den Kellermeister bedrohten. Als ich den rohen Gesellen ins Gewissen reden wollte, hätte ich beinahe meine Prügel bekommen. Polenfreund und Verräter waren die geringsten Schimpfworte, die auf mich herabregneten. Ich verließ entrüstet den Keller. ▶
| Empfohlene Zitierweise: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 38: Marsch nach Andrejew, Biergelage in einer Brauerei“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-38> (aufgerufen am 05.05.2026) |
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