Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Attentat von Sarajewo und drohende Mobilmachung
- Mobilmachung, Bahnwachdienst bei Haiger
- Bahnwachdienst bei Haiger, Furcht vor Spionen
- Bahnwachdienst bei Wetzlar, Abrücken zum Frontdienst
- Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)
- Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)
- Bildung eines Landwehr-Ersatz-Bataillons in Mainz
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 30: Bahnwachdienst bei Wetzlar, Abrücken zum Frontdienst
◀ [114-115] Von Haiger1 wurden wir abteilungsweise nach Wetzlar kommandiert, um dort eingeteilt u. zu einem Landsturm–Ersatzbataillon zusammengestellt zu werden. Eingekleidet konnten wir auch dort nicht werden, da keine Uniformen übrig waren. Nur ein Landwehr-Tschako von 1863 bekamen wir aufs Haupt, sodass wir jetzt doch außer der Waffen noch ein militärisches Kennzeichen hatten. Da wir nun immer 3 Tage in Wetzlar und dann 3 Tage auf der Bahnstrecke waren, so schaffte ich mir ein Paar Langschäfter und ein Paar Schnürschuhe an, erstere für 15 M., letztere für 13 M., damit ich besser exerzieren konnte.
Unser Appellplatz war der Schützenhof. Unser Bataillonsführer war Oberstleutnant Pampe (?), unser Kompagnieführer der Oberleutnant Vogel. Im Quartier lag ich bei dem Buchdruckereibesitzer Scharfe, der später mit mir auch in Russland war. In den Wäldern in der Richtung Braunfels2 und auf der Höhe, wo später das Gefangenenlager3 stand, exerzierten wir das Exerzierreglement durch. Besonders verkehrt dünkte mir von Anfang an das dauernde Üben des Anschlags u. Feuerns auf heranreitende Kavallerie. Zum Schuß! Fertig! Hat wohl keiner von allen deutschen Soldaten jemals nur geführt als nur auf dem Exerzierplatz.
Die 3 Tage Bahndienst ließ ich mir nun in Dillenburg selbst zuweisen, was auch gelang. So habe ich mehrere Touren am Dillenburger Bahnhof abgedient. Wir lagen in einer Bahnwärterbude der Bahnmeisterei auf Pritschen; doch meist ließ ich mir den Dienst so einteilen, dass ich [S. 115] in der Nacht nachhause gehen konnte zum Schlafen. Auch essen konnte ich zuhause. Unsere Aufgabe war hier die Bewachung des Bahnhofs. Meine Nummer hatte meist den Wasserturm zu bewachen, und so habe ich manche Stunde vor demselben auf einem Stuhl gesessen und die Flinte auf den Knien liegen gehabt. Die letzte Tour bekam ich oberhalb Dillenburgs an der Dietzhölzer Brücke4. Dorthin ließ ich mir das Essen bringen.
Als ich an einem Mittwoch Mittag, es war der 17. August, wieder abgelöst wurde, ging ich noch einmal ins Mittelfeld und bestellte dort, dass ich Freitag wieder käme und etwas Gutes gekocht zu haben wünsche. Mit folgenden Worten ging ich von meiner Wohnung weg: Sehen wir uns nicht in dieser Welt, so sehen wir uns auf dem Klapperfeld! Dies Wort hat nachher schwer auf meinem Gemüt gelegen, denn ich kam am Freitag nicht wieder, sondern als ich nach Wetzlar kam, erhielten wir die Weisung, die Sachen abzugeben und uns zum Abrücken fertig zu machen.
Schnell wurde Tschako, Gewehr, Seitengewehr u. Koppel abgegeben und dann gings im Zug nach dem Bezirkskommando, wo der Oberstleutnant Pampe eine Rede hielt von „ins Feld rücken“, was uns allen doch etwas auf die Nerven fiel, weil es so plötzlich kam. Und schon stand die Musikkapelle da, die uns durch die Stadt zum Bahnhof bringen sollte. Wohin, das wußte kein Mensch. ▶
- Haiger, Stadt im Norden des Lahn-Dill-Kreises. ↑
- Stadt im Südwesten des lahn-Dill-Kreises. ↑
- Das spätere Kriegsgefangenenlager (Ukrainerlager) in Büblingshausen, heute Stadt Wetzlar. ↑
- Wohl die Bahnbrücke über die Dietzhölze nördlich Dillenburg. ↑
| Empfohlene Zitierweise: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 30: Bahnwachdienst bei Wetzlar, Abrücken zum Frontdienst“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-30> (aufgerufen am 06.05.2026) |
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