Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Umzug der Familie nach Dillenburg 1912
- ...
- Reise nach Belgien, Antwerpen und Ostende
- Reise durch Südbelgien und Luxemburg
- Attentat von Sarajewo und drohende Mobilmachung
- Mobilmachung, Bahnwachdienst bei Haiger
- Bahnwachdienst bei Haiger, Furcht vor Spionen
- Bahnwachdienst bei Wetzlar, Abrücken zum Frontdienst
- Aufenthalt in Guntersblum (Rheinhessen)
- ...
- Vorrücken über die Warthe
↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919
Abschnitt 28: Mobilmachung, Bahnwachdienst bei Haiger
◀ [112-113] Am Samstag, d. 31. Juli wurde in Deutschland die Mobilmachung proklamiert u. der Sonntag, der 1. Aug. als der 1. Mobilmachungstag erklärt1. Ich hatte Maria schon einige Tage vorher geschrieben, heimzukommen, doch mein Schwager Müller hielt die Lage noch nicht für so gefährlich. So telegraphierte ich dann am Freitag an Maria, sofort zu kommen, da ich [S. 113] wußte, dass mit dem Eintritt der Mobilmachung Verkehrsstockungen wegen des Andrangs unausbleiblich waren. Zum Glück folgte Maria der Anweisung und machte sich sofort auf die Reise, sodass ich sie dann Samstag abend in Giessen in Empfang nehmen konnte, während schon auf allen Strecken die Züge kaum die Reisenden fassen konnten, die schnell nachhause wollten.
Mein Befehl lautete, dass ich mich am 3. Mobilmachungstag vormittags 9 Uhr am Haigerer Bahnhof1 zu stellen habe. Denselben Befehl hatte der Seminarlehrer Engelbert, und so marschierten wir dann am Dienstagvormittag nach Haiger. Am Sonntag waren schon die ersten Rekrutentransporte vom (?) Kommando Siegen u. Meschede nach Giessen, Frankfurt, Mainz gefahren u. am Montag kamen bereits die ersten Truppentransporte aufwärts nach Westen. Große Menschenmengen belagerten die Bahnstrecken. Mit Jubel wurden die Feldgrauen in ihrer ungewohnten neuen Kriegsuniform3 begrüßt.
Mit nervöser Unruhe erfüllten jedoch die fortdauernd bald hier bald da wieder auftauchenden Gerüchte von Spionen, die gekommen seien, Leute zu sprengen oder ähnlichen Schaden zu stiften. Um dieser Gefahr zu begegnen, dazu war aus der Landwehr 2. Aufgebots4 ein umfangreicher Bahnwachdienst organisiert und zu dieser Dienstverrichtung waren auch wir bestimmt. Als wir nach Haiger kamen und uns am Bahnhof meldeten, war dort bereits ein Wachtlokal, in dem der Metzger Frischbach Wachthabender war. Es waren schon Wachen aufgestellt, Gewehre und scharfe Munition waren bereits vorhanden. Die ganze Strecke war in Abschnitte eingeteilt, die von Feldwebeln kontrolliert wurden.
Unser Unterabschnittsvorstehen war der Förster Lukas von Haiger u. der Abschnittskommandeur war Schichtmeister Gustedt (?) von Dillenburg. Engelbert und ich waren nur Musketiere5 und wurden deshalb als Posten eingeteilt, ließen uns aber dieselbe Nummer geben, damit wir unsere Gänge zusammen machen konnten. Unsere Aufgabe war, die Strecke abzupatroullieren von der Allendorfer Grenze bis zur Sechsheldener Grenze6 Außerdem stand an jeder Brücke u. jedem Bahnbauwerk ein besonderer Posten.
Uniform hatten wir keine, sondern trugen Zivil. Wir hatten jeder ein Binde als Erkennungszeichen. Am 2. oder 3. Tage wurde der Wachhabende Fischbach durch den Sattler Schröder abgelöst. Verköstigt wurden wir in Haigerer Gasthäuser, an die wir durch Submission „vergeben“ wurden und zwar alle 3 Tage wechselnd. Das war nicht gerade eine Annehmlichkeit, doch wurde sie getragen. Den Morgenkaffee u. das Mitternachtbrot bekamen wir von den Leuten zu Haiger gebracht, was mit Dank angenommen wurde. ▶
- Richtig: Der 1. Mobilmachungstag war der 2. August 1914. ↑
- Haiger, Lahn-Dill-Kreis. ↑
- Die neue Kriegsuniform (im Unterschied zu den bunten Friedensuniformen) war einheitlich "feldgrau". ↑
- Zum 2. Aufgebot der Landwehr gehörten die gedienten Soldaten vom 36.-39. Lebensjahr. Danach kamen sie zum Landsturm. ↑
- Musketier, Mannschaftsdienstgrad der Infanterie. ↑
- D.h. die Strecke zwischen den Haigerer Gemarkungsgrenzen zu Allendorf im Westen und Sechshelden im Osten. ↑
| Empfohlene Zitierweise: | „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 28: Mobilmachung, Bahnwachdienst bei Haiger“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-28> (aufgerufen am 06.05.2026) |
|---|
