Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen
Bitte beachten Sie: LAGIS hat eine neue Adresse: lagis.hessen.de. Für eine Übergangszeit stehen Ihnen ausgewählte Module über die bekannte Oberfläche zur Verfügung. Alle anderen sind über die neue Version des Informationssystems zugänglich. Bestehende Permalinks behalten ihre Gültigkeit und leiten bereits jetzt oder nach Abschluss aller Migrationsarbeiten automatisch auf das neue System um.

Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

↑ Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919

Abschnitt 20: Wanderung von Amorbach durch den Odenwald

[105-106] Nach einem Gang durch die Stadt bestiegen wir wieder die Bahn und fuhren bis Amorbach1 im Odenwald.

[S. 106] Hier besichtigten wir die eigenartige Rokokokirche mit der berühmten großen Orgel, die von Bach gespielt worden sein soll, und wanderten dann noch ein Stück im Mudbachtal aufwärts. In der Nähe der Papiermühle kochten wir etwas verspätet unser Mittagessen und entnahmen das Wasser getrost einem Bergwasser, welches durch einen Kanal unter der Straße herfloß. Als wir unsere Mahlzeit vollendet hatten und unser Geschirr spülten, entdeckten wir in dem Kanalwasser ein totes Wiesel, welches bei meinen beiden Begleitern beinahe eine Revolution hervorgerufen hätte. Ich für meine Person bin weniger empfindlich, doch gestehe ich gerne, dass es mir auch lieber gewesen wäre, ich hätte den Kadaver nicht gesehen. Nach einem halben Stündchen traten wir in das Dörfchen Kirchzell2 ein. Dort waren zwei Gasthäuser, eins zum Ochsen, das einen unscheinbaren Eindruck machte und eins zum Kaiser Wilhelm, das neu und vornehm aussah. Wer will uns übel nehmen, dass wir in das letzte eintraten, und schon waren wir wieder hereingefallen. Die Zimmer waren wenig sauber und als wir das Nachtessen in der Gartenlaube serviert bekamen, entdeckte Meckel auf seinem Kotelett eine Spinne, die mitgebraten war. Die Folge war, dass ich 3 Koteletts aß und dass die beiden anderen den Löwenanteil an den Kartoffeln und dem Salat bekamen. Auf einem Rundgang durch das Dorf traten wir auch in den Ochsen ein und fanden ein altes gut renommiertes ziemlich sauberes Haus vor. Wir nahmen uns vor, niemals wieder nach dem äußeren Schein zu urteilen. Hatte die vorige Nacht Grävenstein den Schlaf gekostet, so kam diese Nacht Meckel daran, bei dem nun die Folge des Gewitterregens am Steintor in Form seiner üblichen Zahnschmerzen zum Vorschein kamen. Im Breitenbachtal aufwärts kamen wir am anderen Morgen nach einstündiger Wanderung an die Landesgrenze, verließen hier Bayern und betraten badischen Boden. Der 1. badische Ort war Ernsttal und jenseits dieses kleinen Dorfes winkte das herrliche Leiningensche Schloß Waldleiningen3 von der Berg von der Berglehne herunter. (Berglehne = Bergabhang) Wir stiegen an dem Abhang des Gebirgszuges hinauf, passierten auf der Höhe ein altes Römerkastell4, dann das hoch gelegene Dorf Hesselbach5, das schon wieder einen anderen Herrn hatte, da es zu Hessen gehört und kletterten dann den sehr steilen Bergpfad zum Itterbach hinab, wo wir an der Station Schöllenbach6 Halt machten und unser Mittagessen kochten.


  1. Kleinstadt im Odenwald, Kreis Miltenberg.
  2. Marktort im Kreis Miltenberg, am Dreiländereck Bayern - Baden - Hessen.
  3. Schloss in der Gemarkung Mörschenhardt, Gemeinde Mudau, Neckar-Odenwald-Kreis.
  4. Kastell Hesselbach, Gemeinde Hesseneck, Odenwaldkreis.
  5. Heute Ortsteil der Gemeinde Hesseneck, Odenwaldkreis.
  6. Heute Hauptort der Gemeinde Hesseneck, Odenwaldkreis.

Empfohlene Zitierweise: „Otto Merkel, Geschichte der Familie Merkel 1912-1919, Abschnitt 20: Wanderung von Amorbach durch den Odenwald“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/5-20> (aufgerufen am 07.05.2026)