Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Camberg vor dem Ersten Weltkrieg
- ...
- Günstige Ernteergebnisse, Folgen der Seeblockade
- Staatliche Reglementierungen und Zwangswirtschaft
- Abnahme der Glocken in Camberg
- Versorgungsprobleme, Mangelernährung und Fastengebot
- Mangelwirtschaft und Zwangsmaßnahmen, Diebstähle
- Ersatzstoffe und Beimischungen, Sammelaktionen
- Vaterländischer Hilfsdienst, Luftangriffe
- ...
- Erleichterungen durch Friedensschluss, Vergnügungen
↑ Albert Schorn, Kriegs-Chronik der Stadt Camberg, 1914-1921
Abschnitt 21: Versorgungsprobleme, Mangelernährung und Fastengebot
◀ [38-42] All die Verordnungen und Beschlagnahmungen konnten es nicht verhindern, daß der Mangel an Stoffen und Lebensmitteln von Woche zu Woche empfindlicher wurde. Besonders das Leder wurde immer knapper. Fast alle Kinder liefen im Sommer barfuß, um die Schuhe für den Winter zu schonen. Bei schlechtem Wetter schlüpften sie in ihre Holzschuhe. Die hatte man bisher hierlands nie gesehen. War das ein Geklipp und Geklapp den ganzen Tag, besonders wenn die Schule aus war! Im Winter wurden die ledernen Schuhe hervorgeholt. Glücklich, wem sie bis zum Frühling reichten! Er brauchte sich nicht über die schlechten Ersatzschuhe aus Holz und Papier zu ärgern, die kaum einen Schutz gegen Feuchtigkeit gewährten. Nicht minder groß waren die Entbehrungen, die die Erwachsenen zu erdulden hatten. Die Ernährung war, besonders in den Monaten Mai, Juni und Juli, die denkbar schlechteste. Pro Woche und Kopf erhielt man 150 g Fleisch, ein 3 ½ Pfund schweres Brot, sehr wenig Kartoffeln, fast kein Fett. Etwaiger Vorrat an Lebensmitteln war bei den meisten bald aufgebraucht. Die Bäcker und Metzger können von dieser Zeit ein Liedchen singen. Wenn Samstags beim Metzger der Fleischverkauf stattfand, war in aller Frühe der Eingang belagert. Stundenlang standen oft die Frauen und Kinder und warteten geduldig, bis sie an die Reihe kamen. Da es sich öfters ereignete, daß die letzten nichts mehr erhielten, entstand häufig ein solches Gedränge, daß schließlich die Polizei Ordnung halten mußte. Man sah den Leuten, abgesehen von einigen wenigen, die immer hatten, die schlechte Ernährung am Gesichte an. Die Urlauber wunderten sich allgemein über das Aussehen ihrer Bekannten und sagten, die seien alle zehn Jahre älter geworden. Mit den Hausschlachtungen im Herbst gab es wieder mehr Fleisch und Fett. Da rundeten sich auch die Gesichter wieder.
Um dem Fleischmangel abzuhelfen, schafften sich viele Leute Kaninchen an. Es wurde ein Kaninchenzuchtverein gegründet, der mit Rat und Tat jedem gern zur Seite stand. Die Stadtbehörde kaufte eine größere Anzahl Schweine, die den Sommer über im Walde gemästet und im Herbst zu einem billigen Preise unter die Bevölkerung verteilt wurden. Eine städtische Hühnerzucht mit künstlicher Brut sollte der Eiernot begegnen.
Auch die geistliche Behörde trug den schwierigen Ernährungsverhältnissen Rechnung. Der Fastenhirtenbrief des Bischofs von Limburg, der Ende Februar von allen Kanzeln der Diözese verlesen wurde, hob auf Grund päpstlicher Vollmacht alle Fastengebote für die Katholiken auf.
Ein erfreuliches Ereignis, das durch die Beschlagnahmung von Frucht und Kartoffeln verursacht war, sei der Nachwelt nicht vorenthalten. Da kein Branntwein mehr gebraut werden durfte und das Bier so dünn war, daß man es von gefärbtem Wasser kaum unterscheiden konnte, sah man keinen Betrunkenen mehr auf der Straße. Die kupfernen Nasen der Schnapstrinker bekamen zur Freude ihrer Besitzer die ursprüngliche Farbe wieder. ▶
| Empfohlene Zitierweise: | „Albert Schorn, Kriegs-Chronik der Stadt Camberg, 1914-1921, Abschnitt 21: Versorgungsprobleme, Mangelernährung und Fastengebot“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/34-21> (aufgerufen am 06.05.2026) |
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