Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Ausmarsch und Fahrt zur belgischen Grenze
- ...
- Kriegstote und Verwundete, Kriegsgedicht
- Heftiger Beschuss durch französische Artillerie
- Fahrt nach St. Quentin
- Mehrtägige Reise nach St. Quentin
- Rückfahrt von St. Quentin, militärische Lage
- Ruhigere Tage an der Front
- Baupläne, zweite Reise nach St. Quentin
- ...
- Rückfahrt von der Somme nach Deutschland
Abbildungen
↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915
Abschnitt 16: Mehrtägige Reise nach St. Quentin
◀ [215-216]
18. April 1915. Wir stehen vorm altersgrauen Rathaus wieder, das unsere Väter schon gesehen.
Alte geschichtliche Erinnerungen weckte der Name St. Quentin in uns. Hier fand die glorreiche, blutige Januarschlacht im Jahre 1871 statt. Die alte Mühle „Alle Winde", die im Süden des Stadtgebietes einsam auf einem Hügel steht, ragt weit über ausgedehnte Ackerflächen hinaus. Wir sind hingelaufen und haben von hier aus den herrlichen Blick auf die Stadt mit seiner hoch herausragenden Kathedrale genossen. Wir standen auf geweihtem Boden, aber vergeblich haben wir nach alten deutschen oder französischen Kriegergräbern Ausschau gehalten. Der Pflug ist wieder darüber hinweggegangen und hat die letzten Spuren verwischt, kein Kreuz und kein Baum verrät uns den Ruheplatz der vielen gefallenen Helden.
St. Quentin ist eine anmutige Stadt, die Häuser sind zwar glatte, geschmacklose Backsteinkästen oder verputzte Bauten, aber das, was hier französische Künstler geschaffen haben, steht hoch über dem Durchschnitt. Die Franzosen lieben das Anmutige in der Kunst, und ich muß gestehen, daß ich mit Bewunderung die Denkmäler aus Erz betrachtet habe. Über die schiffereiche Somme führt vom Bahnhof aus eine Brücke, die mit vier Figuren geschmückt ist, die die Hauptflüsse Frankreichs verkörpern. Ich finde sie schön, genau wie die Verkörperung Frankreichs am weiter folgenden Kriegerdenkmal. Wenn nur eine Germania mit ihren Kaiserkronen und faltenreichen Gewändern so schön wäre wie dieses weibliche Wesen. Nicht minder tiefen Eindruck hat die Fontaine Vasson auf mich gemacht. Es ist dies ein Brunnen, der die Landwirtschaft verkörpert. [S. 216]
Als wir spät abends in St. Quentin einzogen, begrüßte uns vom alten gotischen Rathaustürmchen ein vielstimmiges Lied, das ein Glockenspiel über die Stadt hinklingen ließ, und alle Viertelstunde schlugen andere harmonische Akkorde zusammen. Wir haben verwundert uns an diesem Abend das alte gotische Rathaus angesehen. Da war Wegemüdigkeit bald vergessen. — Und dumpf hallten Trommelwirbel über den Rathausplatz, die deutsche Landsturmwache trat unter die Spitzbogen des alten Baues.
Wir haben Glück gehabt, der Tag auf unsere Ankunft war ein Sonntag, da waren nachmittags die Geschäfte geschlossen. Unser kleines Elektrizitätswerk und unsere Badeanlage konnten wir im Park der neuen Elektrizitätstruppen, die hier zur Versorgung aller Ortschaften hinter der Front eine riesige Überlandzentrale mit 45 000 Voltleitungen in kürzester Zeit mustergültig angelegt haben, bald zusammensuchen. Der Führer dieser Truppe, Hauptmann d. R. und Hochschulprofessor Sch., der in einem vornehmen Patrizierhause (in dem mir herrliche, alte Holländer Meister wie Ostade, Teniers, Willem van de Velde usw. auffielen) seine Quartiere aufgeschlagen hatte, ging uns mit Rat und Tat zur Seite.
So hatten wir einen schönen Sonntagnachmittag ganz für uns. Wir fuhren mit der von unsern Soldaten betriebenen elektrischen Straßenbahn unentgeltlich in der Stadt herum und dann zum Bahnhof, um uns die Spuren eines Fliegerbombardements anzusehen.
In großartiger Weise ist für unsere Soldaten gesorgt. Ein elegantes Kriegerheim bot uns einige angenehme Stunden nach unseren Reisen. Es scheint ein ehemaliges Familienhotel gewesen zu sein und erinnerte mich im Innern an das Salzunger Kurhaus am See. Da waren große Lesesäle mit den bedeutenderen Zeitungen Deutschlands, für außerordentlich billiges Geld konnte man sich große Schalen Kakao, Kaffee, belegte Brote erstehen, die Wände der einzelnen kleinen Zimmer waren von unsern Künstlern im grauen Rock mit Aquarellen und Ölgemälden vom Kriegsschauplatz geschmückt. Es hat uns beiden ausgezeichnet dort gefallen, und täglich sind wir dorthin zurückgekehrt.
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| Personen: | Fischmann, Wilhelm |
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| Orte: | St. Quentin · Somme |
| Sachbegriffe: | Deutsch-Französischer Krieg 1870-1871 · Landsturm · Elektrizität · Bombenangriffe · Kriegerheime · Zeitungen · Westfront · Fronabschnitt: Somme |
| Empfohlene Zitierweise: | „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 16: Mehrtägige Reise nach St. Quentin“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/164-16> (aufgerufen am 07.05.2026) |


