Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg

Inhalt
- Ausmarsch und Fahrt zur belgischen Grenze
- ...
- Ruhigere Tage im Frontabschnitt
- Kriegstote und Verwundete, Kriegsgedicht
- Heftiger Beschuss durch französische Artillerie
- Fahrt nach St. Quentin
- Mehrtägige Reise nach St. Quentin
- Rückfahrt von St. Quentin, militärische Lage
- Ruhigere Tage an der Front
- ...
- Rückfahrt von der Somme nach Deutschland
Abbildungen
↑ Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915
Abschnitt 15: Fahrt nach St. Quentin
◀ [206, 215]
15. April 1915. Ich habe am Vormittag die zusammengeschossenen Teile des Schützengrabens aufgenommen. Wieder schossen die Franzosen ihre Granaten in unsere Stellung und den Sternwald, doch hatte ich mit mehreren Infanteristen sichere Unterkunft im Minenstollen. Am Nachmittage hatte ich angenehmere Beschäftigung, da habe ich mir ein eigenes Zimmer im Schloß eingerichtet, ein Bett zimmern lassen, Tisch und Stühle hinauf geschafft und um mein in einer Ecke stehendes Bett einen grauen Leinenvorhang gemacht. Wirklich, jetzt ist's hier recht gemütlich, man kann's hier schon aushalten.
Gegenüber dem linken Abschnitt unserer Stellung verwenden die Franzosen schwere Minenwerfer. Als ich in Stellung war, wurde einem Manne das Bein zerschmettert.
16. April 1915. Ich habe mich so allmählich als Mädchen für alles etabliert. Ich soll elektrische Beleuchtung im Dorfe schnellstens einrichten, eine Wasserpumpanlage und eine größere Badeeinrichtung anlegen und für Telephonverbindungen sorgen.
Mit nur einem Mann habe ich heute selbst eine hochvornehme Fernsprechleitung verlegt. Vom Oberleutnant aus kann man mit der Kanzlei, mit dem Pionier-Depot und mit der Telephonzentrale und somit mit allen Teilen der Division sprechen. Der Oberleutnant war ebenso platt wie ich selbst, den ganzen Tag ist sie benutzt worden, sie funktioniert tadellos. Fernsprechleitungen verlegen verstehe ich jetzt 1 a.
Morgen soll ich nun nach St. Quentin1, das etwa 40 km von hier entfernt liegt, um in diesem Städtchen von 70 000 Einwohnern Dynamomaschine, Akkumulatoren, Schalter, Widerstände, Birnen usw. mit den Bedarfsartikeln für meine Badeanstalt beizutreiben. Da sehe ich doch nun mal wieder Menschen, hier in den Nestern gibt's ja keine mehr, und die 5 bis 10 Leute, die hiergeblieben sind, leben von unsern Abfallbrocken ihr kümmerliches Dasein.
Ich habe alles präpariert, um 4 Uhr soll die Reise mit meinem Kameraden W. zu Rad losgehen.
Draußen pfeffern unsere 21er, die sausen und knallen unheimlicher als unsere Feldgeschütze! —
11 Uhr abends. So ist der Krieg. Wir sind in Alarmbereitschaft gesetzt und werden wahrscheinlich morgen früh A. für immer verlassen. [S. 215]
G.C. 17. April 1915. Wir bleiben in A. Die im benachbarten F. liegende ... Pionierkompagnie mußte mit 18 Mann von uns noch dieselbe Nacht nach Rußland abrücken.
So ist denn aus meiner Reise nach St. Quentin doch noch etwas geworden. Mittags um 1 Uhr zogen W. und ich, Wurst und Kommißbrot im Brotbeutel, fröhlich zu Fuß in den lachenden Frühling hinein. Wir hatten einen Marsch von 40 km vor uns, aber wir haben aufgejauchzt, als wir in die schöne Frühlingswelt hineinlaufen durften. Doppelt seltsam empfinden wir im Schützengraben dieses Wunder des Frühlings! Es kommt über uns wie ein Märchen, hineinzugreifen in all die Pracht, in all den Zauber der weiten blauen Ferne, hinzueilen über Berge und grüne Täler nach den goldenen Erdenfleckchen, die die gute, warme, segnende Sonne bescheint. Das war ein rechtes Wandern, Arm in Arm zogen wir mit offenen Augen in die weite Welt, in uns war Licht, in uns war ein Klingen, wie wenn traute Dorfkirchenglocken über rote Dächer weiter, weit weg über die grünen Gefilde hallten. Hier merkte man nichts vom Krieg, hier lag der Tod nicht auf der Lauer, hier herrschte das junge keimende Leben. 15 km hinter der Kampffront zogen schwere Ochsen den Pflug durch die braunen Äcker, Schafherden weideten zur Rechten wie zur Linken, und im Grase lag barfuß der Hirte und sonnte sich.
Und durch verträumte, stille Dörfer hallte unser Tritt. Blumen blühten in den gepflegten Gärten, bunte Landblumen, gelb, rot, blau, und Kirschen- und Mandelbäume leuchteten weiß am blauen Himmel. Epheu rankte sich dicht über strohbedeckte Hütten, Hühner liefen über die Dorfstraßen, von Kindern gejagt, und die goldenen Herrgottskreuze unter den schwellenden Kastanien waren mit frischen Blumen geschmückt und glänzten im Sonnenglanze.
Wahrlich, wenn nicht ab und zu zerstörte und zerschossene Häuser am Wege gelegen hätten, wenn die fanatische Bevölkerung nicht ab und zu eine drohende Haltung angenommen und uns falsch beschieden hätte, wir hätten den Krieg völlig vergessen.
In Faloy an der Somme2 machten wir am Wiesenrande kurze Rast, da lag friedlich der Kanal3 und die glitzernde Somme, auf denen sich mastenreiche Schiffe leise schaukelten.
Wir sind keine Straßen gelaufen, die geraden, pappelgeschmückten Wege waren uns zu langweilig, unsere Schritte gingen über Äcker an Wäldern mit dem charakteristischen undurchdringlichen Unterholz vorbei, Schloß und Park Vaux ließen wir links liegen, und als sacht sich die Dämmerung herniedersenkte, machten wir in einer Kantine in Etreillers4 kurze Rast bei alten Landwehrleuten.
Es war dunkel geworden, noch leuchteten purpurn im Westen die Wolken, aber vor uns stand leuchtend die schmale Mondsichel, ein heller Stern nach dem andern zog auf, bis das Millionenheer silbern am dunkelvioletten Himmel stand. Wir sind etwas wegematt und doch so zufrieden still nebeneinander hergeschritten, ein deutscher Flieger stieg 8 km vor St. Quentin bei seinen Zelten nieder.
Um ½ 10 Uhr kamen wir verhältnismäßig frisch in St. Quentin an. Auf der deutschen Kommandantur holten wir uns Quartierscheine. In der Infanteriekaserne haben wir auf hartem Lager in Kleidern herrlich geschlafen.
▶
- Saint-Quentin, Stadt im Département Aisne. ↑
- Gemeint ist der Ort Falvy an der Somme. ↑
- Der Canal de la Somme. ↑
- Ort etwa 10 km westlich von St. Quentin. ↑
| Personen: | Fischmann, Wilhelm |
|---|---|
| Orte: | St. Quentin · Russland · Falvy · Somme · Sommekanal · Canal de la Somme · Vaux · Etreillers |
| Sachbegriffe: | Schützengräben · Franzosen · Granaten · Minierungen · Minenstollen · Minenwerfer · Verwundete · Elektrizität · Badeanlagen · Telefon · Telefonleitungen · Oberleutnante · Pioniere · Zivilbevölkerung · Fahrräder · Geschütze · Kommißbrot · Landwehr · Quartierscheine · Kasernen · Westfront · Frontabschnitt: Somme |
| Empfohlene Zitierweise: | „Wilhelm Fischmann, Kriegserlebnisse eines Kasselaners, 1915, Abschnitt 15: Fahrt nach St. Quentin“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/index.php/de/purl/resolve/subject/qhg/id/164-15> (aufgerufen am 10.05.2026) |

